SongHistory – Daft Punks “Around The World” meets Jazz & Latin
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- Daft Punk
Wohl jeder elektronischer Musik nicht abgeneigten Kohlenstoffeinheit reichen drei Worte aus, um Acid-Synthie-Schleifen, den hüpfenden Bass einer TR-909, dumpf rollende Tiefpass-Filter sowie eine gebetsmühlenartig repetierte Hookline zu evozieren: „Around“, „the“, „World“.
Daft Punk revolutionieren die elektronische Musik bis heute auf ihre eigene Weise. Auch wenn ihnen mit „One more time“ (Single-Auskopplung 2000, 4. Mio verkaufte Platten) noch immer oft der Abfall der avantgardistischen Ehrlichkeit abgesprochen wird, weil es nicht mehr die ursprüngliche Simplizität inthronisiere, wird keiner leugnen wollen, dass Thomas Bangaltar & Guy-Manuel de Homem-Christo mit ihrer Platte „Homework“ 1997 Musikgeschichte schrieben. Alle weiteren Aspekt von Daft Punk – wie die visuelle Inszenierungen ihrer Auftritte und ihr strategischer Roboter-fetisch seit der Platte „Discovery“ 2001 – einmal aussen vor gelassen, soll im Folgenden die Historie der Reinterpretation von „Around The World“ anhand zweier Stücke näher beleuchtet werden. Gewählt werden dabei die Interpretation von Christian Prommer und von Senor Coconut. Sinn und Zweck dieser Reihe ist neben so gut gemeinten Vorhaben wie „In der Beschäftigung mit den Reinterpretation kann auch das Original verständlicher werden“ schlicht und einfach, auf ansprechendem Niveau zu unterhalten…
Daft Punk rocking “Around The world”

Daft Punk Live
Gegründet 1993, benannt nach einer abschätzigen Kritik eines Journalisten über den Sound ihrer Jugendformation „Darlin“ (Daft Punk – bekloppter Punk) und 1995 mit dem ersten kommerziellen Erfolg bedacht (Da Funk), stellt „Around The World“ die 3. Single aus dem Debutalbum „Homework“ (2,5 Mio. verkaufte Platten) im Jahre 1997 dar.
Ein #1 Hit in der Dance Charts und stilprägend durch die Verwendung von Hoch- und Tiefpassfilter.
„Daft Punks heißer Mix aus Funk, Disco, Acid und Samples im Hip Hop-Stil erfanden den Stil neu und verwirrte die meisten Dance-Experten dieser Zeit [...]. Homework stellte eine Brücke zwischen den etablierten Club-Stilen und dem aufkeimenden Eklektizismus des Big Beats dar. Und es bewies vielen Club-Besuchern, dass Dance Musik mehr ist, als Pillen und voreingestellte Keyboards.“
Alex Rayner, Musikjournalist in: 1001 Alben, 2006
Drumlesson verjazzt “Around The World”

Drumlesson Plattencover
Das Jazz Quartett unter dem das Album „Christian Prommers Drumlesson Vol. 1“ eingespielt wurde, setzt sich aus den Jazz-Pianisten Roberto di Gioia, bekannt durch sein Projekt Marsmobil, dem Jazz-Drummer Wolfgang Haffner (Herbolzheimer, Chaka Khan, Doldinger), dem Kontrabassisten Dieter Ilg und dem Percussionisten Ernst Ströer zusammen. Christian Prommer, der seiner Musiker- und Produzenten-Karriere als DJ einen ersten Grundstein legte und sich mit der Formation Fauna Flash und Trüby Trio einen Namen machte, übernahm die Arrangements und Umsetzung des Projekts, in welchem bekannte Dance-Hits mit einer Live-Band verjazzt werden. Drumlesson Vol. 1 erschien 2008 auf dem Label Sonar Kollektiv, dem Hauseigenen Label von Jazzanova, dem Berliner Produzenten-Kollektiv, die mit ihren eigenen Veröffentlichungen selbst die Kluft der Genres schließen, indem sie unter dem Begriff Nu-Jazz elektronische Musik um Elemente aus dem akustischen Jazz anreichern, und mit ihrem Label ein international renommierte Plattform nicht nur für ähnlich angesiedelte Konzepte etablierten.
„Flügel, Kontrabass und Drums waren vorgegeben, das war konventionell. Wir sind damit unkonventionell vorgegangen, haben was auf die Snare gelegt, die Mikros anders hingestellt, Kleinigkeiten, die enorm viel ausmachen.“
Christian Prommer, In: De:Bug 120, 2008
Und um sich ein besseres Bild von dem Song machen zu können, zum einen den Link, um den Song in Reinform zu hören, zum anderen jedoch unten ein wunderbarer Mitschnitt der Reinterpretation Christian Prommers:
Anbei auch ein Bild von Christian Prommer, der Band von Drumlesson, und von dem Plattencover:
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Señor Coconuts Streifzug “Around The World”

Around the World
Señor Coconut - Mit bürgerlichem Namen „Uwe Schmidt“ und seit 1997 wohnhaft in Chile, tätig als DJ und Produzent, machte sich einen Namen mit Covern von Kraftwerk-Titeln im lateinamerikanischen Musik-Stil. Das Album hierzu „El baile alemán“. Als Inspiration dienen ihm nach eigenen Angaben Perez Prado (kubanischer Musiker/Komponist, „König des Mambo“) bemerkbar an dem charakteristischen Bläsersatzen in seinen Kompositionen. In den Kreis der Gladiatoren tritt Senor Coconut mit seinem 2008 erschienenen Album „Around The World“, dass der Strategie des Produzenten folgt, bekannte Hits zu „lateinamerikanisieren“. Die Herangehensweise dabei ist, Sample-Collagen älterer und neuerer Live-Aufnahmen zu erstellen.
Señor Coconut selbst merkt dazu an, dass sich nach einem ersten Gedanken, “Around The World” von Daft Punk zu covern, das Ganze verselbständigte, indem ihm das Thema auch von anderen Künstlern wie z.B. von Les Baxter zugetragen wurde. “Around the World” erwies sich als ein Motiv, dass die Musikgeschichte durchzieht – durchziehen muss, denn
“„Around the World” – sei es von Les Baxter, Señor Coconut oder von anderen interpretiert, reflektiert sicherlich immer nur ein subjektives Verständnis der Welt – im besten Falle die Sicht einer gewissen Kultur oder eines Kulturraumes. Die Welt von Les Baxter ist ebenso unvollständig wie die von Señor Coconut, definiert durch den Zeitpunkt und Ort unserer Existenz.”
Señor Coconut
Ebenso auch hier der Song in voller Gestalt:
Und ebenso ein Bild von Senor Coconut und dem Plattencover:
Songanalysen & fachlicher Vergleich
Ein in der Literaturwissenschaft verbreiteter Ansatz, der sich mit dem Begriff Intertextualitäts-Theorie ummantelt, geht davon aus, dass innerhalb einer kulturellen Struktur kein Text ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen, früheren Texte denkbar ist – Übertragen auf den hier geöffneten Kontext bedeutet das natürlich, dass auch das Original von Daft Punk, ein Dialog zu früheren Werken der Musikgeschichte geöffnet hat, den es hier kurz anzureissen gilt.
Eine zunächst noch etwas wage, aber inspirative Hypothese in diesem Kontext wäre, die 80-malige Wiederholung der Hookline von „Around The World“ als Verweis bzw. Anspielung auf Jule Verne’s „In 80 Tagen um die Welt“ zu sehen.
Scheint der funkige Synthesizer-Satz von Synthie-Pionier Gershon Kingsleys #1 Hit Popcorn inspiriert, so ist ein Zusammenhang zwischen der Basslinie von Around The World und der Basslinie von Bernard Edwards von der Band Chic in dem Song „Good Times“ von 1979 recht stringent nachzuweisen.

Basslinie Good Times (Chic)

Basslinie AroundTheWorld
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In dieser Richtung und Fragestellung – inwiefern frühere Musikstücke auf „Around The world“ eingewirkt haben – würden sich garantiert noch weitere inspirative Quellen und Einflüsse herausstellen lassen. Das nimmt dem Stück keineswegs seine Genalität, weil diese gerade darin liegt, die unterschiedlichen Schnipsel in einer Collage so verdichtet einzurichten, dass der Sound entsteht, für den Daft Punk berühmt wurde:
„Daft Punk waren die Franzosen, die das Prinzip maximaler Verdichtung in die zeitgenössische repetitive Tanzmusik einführten. Wie man weiß, geht es bei solcher Musik um ein immanentes Hören. Man folgt nicht einer Melodie, die man dann das nächste Mal wiedererkennt, sondern man folgt einer Spur von Beat zu Beat [...]. Auf jedem Schlag lagen Sounds und Signale aus Funk, Progressive und anderen Stilen, teilweise bis ins Detail rekonstruierbar. Aber diese Elemente waren so maximal verdichtet, dass man sie nicht nacheinander, sondern in einem Beat simultan serviert bekam.“
Diedrich Diederichsen, in: Musikzimmer – Avantgarde und Alltag, 2005, S. 57
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Das Video von Michel Gondry
In einer dem Stück mehr als nur ähnlich progressiven Weise führt das Musikvideo zu Around The World dieses Konzept der maximalen Verdichtung fort – Es findet eine visuelle Umsetzung der musikalischen Strukturprinzipien statt, die analog zu dem begrenzten Sound-Reportoire auf engstem Raum stattfindet. Das Auf und Ab der Treppen referiert zudem auf das Auf und Ab des Basslaufs.
Die Charaktere im Musikvideo performen entsprechend den ihnen zugeordneten Instrumenten wie folgt:
Instrument –> Charaktere
Vocals –> Roboter
Keyboard –> Disco-Girls
Gitarre –> Skelette
Bass –> Artisten
Drums –> Mumien
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Gerade das zentrale Motiv des Basses findet in der Treppen-Visualisierung eine ideale Übersetzung:
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Songstrukturen
In einem letzten Schritt sollen nun die Songstrukturen des Originals sowie der Reinterpretationen von Christian Prommer und Senor Coconut, die Verarbeitung der zentralen Motive, ihre Verwendung und Anordnung bei den verschiedenen Versionen, nebeneinander gestellt werden:
Und weil wir gerade in Tabellenlaune sind dazu noch eine Nebeneinanderstellung formeller bis emotionaler Kriterien der Songs:
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Fazit
Die Coverversionen nähern sich dem Original mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen. Während Senor Coconut relativ nah am Original arrangiert, indem er die Harmonie-Struktur übernimmt und allein die Motive und Motiv-Träger zerlegt und neu zusammensetzt, nimmt Christian Prommers Drumlesson das Original lediglich als Ausgangspunkt für eine neue, unabhängige Interpretation – Die Hookline des Originals dient als Ausgangspunkt, als „Sprungbrett“ für die Jazz-Improvisationen.
Insgesamt wird ersichtlich, dass bei Drumlesson das musikalische Zusammenspiel wenigstens gleichgewichtet gegenüber dem Coveraspekt ist, während Senor Coconut seine Produzenten-Rolle und den Re-Mix-Aspekt wesentlich stärker forciert. Würde man das Fazit in Bildern zu fassen versuchen, so wäre Senor Coconuts Reinterpretation das Bild eines Collagisten, der ein Motiv-Schnipsel-Berg auf ein neues, größeres Sound-Arrangement verteilt, während Christian Prommers Version das Bild eines vor sich hin pfeifenden Kindes darstellt, das sich dem Motiv eines einst mehr unterbewusst als bewusst wahrgenommenen Song, sukzessiv nähert, findet und sich daran erfreut, um sich zugleich davon für die nächste Song-Motiv-Suche abzustossen.
Diese Resüme-Punkte unterstreichen auch zwei abschliessende Zitate der interpretierenden Künstler:
“I have cut and moved and touched manually every single sound you hear [...]. First I arrange the rhythm section and then I go from the rhythmic to the melodic: the conga to the bass, then to the marimba, then to the trumpets, maybe at the end, the vocals. But I go four to eight bars throughout the entire song. The main process, after I have recorded and programmed everything, is cutting and looping and arranging in Pro Tools [...] To me, making music is not about being organic or free; it always comes down to control and shaping things that you can generate in different ways.“
Uwe Schmidt a.k.a. Señor Coconut, http://musicianstools.wordpress.com, 2009
„Das war ja das Tolle am Drumlesson-Projekt. Die Musiker kannten die Originale nicht. Erst am Tag der Aufnahme haben sie mal reingeschnuppert. Daran sieht man, wie toll diese Stücke sind. Ihre Essenz ist stark genug, um das zu überleben. Es gab nur grobe Arrangements, die ich mit Roberto di Gioia mündlich ausgearbeitet hatte, und kleine Audio-Schnipsel. Aber prinzipiell haben wir einfach losgelegt. Wolfgang hat seinen Laster voll Instrumenten mitgebracht, die haben wir getuned. Es ist nicht wichtig, dass jede Note vorgegeben ist, wenn man weiß, das Team macht eh das Beste draus.“
Christian Prommer, In: De:Bug 120, 2008
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QuellenVerzeichnis:
Diederichsen, Diedrich (2005): Musikzimmer. Avantgarde und Alltag. Kiepenhauer & Witsch. Köln.
Harder, Christian (2008): In 14 Liedern um die Kokosnuss. In: Die Zeit Weblog. Letzter Zugriff am 14.05.09 unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2008/06/09/in-14-liedern-um-die-kokosnuss_767
Joswig, Jan (2008): Prommer‘s Drumlesson. Jazz macht Techno. In: De:Bug Magazin 120. Letzter Zugriff am 13.05.09 unter http://www.de-bug.de/mag/5474.html
o.N. (2009): Señor Coconut‘s Cut-and-Paste, Latin-Dance Excursion. Letzter Zugriff am 18.05.09 unter http://musicianstools.wordpress.com/2009/04/21/senor-coconuts-cut-and-paste-latin-dance-excursion/
o.N. (o.J.): Around The World. Letzter Zugriff am 13.05.09 unter http://dic.academic.ru/dic.nsf/enwiki/1243179
o.N. (o.J.): Biography Señor Coconut. Letzter Zugriff am 14.05.09 unter http://www.senor-coconut.com/index.php?article_id=3
o.N. (o.J.): Daft Punk. Letzter Zugriff am 14.05.09 unter http://en.wikipedia.org/wiki/Daft_Punk
Rayner, Alex (2006): Daft Punk. Homework. In (Dimery, Robert, Hrsg.): 1001 Alben. Edition Olms. Zürich.
Zipperer, Franz X.A. (2009): Christian Prommer: Trommeln gehört zum Handwerk. Letzter zugriff am 18.05.09 unter http://www.jazzthetik.de/jazz/christian-prommer-trommeln-gehort-zum-handwerk.html
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Autoren: Heiner Klaasen-van Husen/Stefanie Steinbichl






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[...] bzw. fachliche Denken hinweg. Und wie wir in der ersten Ausgabe unserer SongHistory-Reihe (Daft Punks “Around The World” meets Jazz & Latin) bereits thematisiert haben, steht Prommer mit seinen Interpretationen aus musikwissenschaftlicher [...]