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SongHistory – Mit „Louie Louie“ durch die Pophistorie

August 25, 2009 Home, SongHistory Kein Kommentar

„It’s been called everything from a musical joke, pure garbage, the dumbest song ever written, to the quintessential pop single, the first punk record and the missing link between fifties rock n’ roll and sixties hard rock. This is the SHORT history of the song “LOUIE LOUIE.”

Eric Predoehl (http://www.louielouie.net/06-history.htm)

Und das (vorläufige) Ende der Geschichte?

Louie Louie versammelt die Musikwelt

Louie Louie versammelte die Musikwelt

Insgesamt über 1600 Coverversionen folgten dem Original von Richard Berry, was „Louie Louie“ nach „Yesterday“ von den Beatles zum meistgecoverten Titel überhaupt macht. Daneben einen ansehnlichen 55. Platz auf der Rolling Stone Liste der “500 Greatest Songs of All Time” für die Interpretation durch die Kingsmen, sowie zahllose Verweise auf den Song mit dem Vier-Akkorde-Riff, der simplen Melodie und dem etwas schludrig anmutenden Text im Schaffen verschiedenster Musiker als auch in Film und TV, von George Lucas’ Erstlingserfolg „American Graffiti“ aus dem Jahr 1973 angefangen, bis hin zu den „Simpsons“. Die Lobpreisung „as much a classic of American pop art as the Coca-Cola bottle“ (Williams, 1993) gestand die große britische Tageszeitung „The Independent“ dem Song gar zu.

Wie konnte „Louie Louie“ die Popkultur so nachhaltig prägen?

Das Original: Am Anfang – ein Cha Cha!

Richard Berry (Quelle: xs4all.nl)

Richard Berry

Als Richard Berry 1956 bei einem Konzert nach einer plötzlichen Eingebung ein paar Noten auf eine Servierte kritzelte, ahnte er wohl kaum, welch folgenschwere Melodie ihm da aus der Feder floss. Berry hatte sich als Sänger und Songwriter in diversen lokalen Rhythm and Blues-Gruppen in seiner Wahlheimat Los Angeles durchgeschlagen. An jenem schicksalhaften Abend stand die 12-köpfige Latin-Combo Ricky Rillera & The Rhythm Rockers auf der Bühne und performte „El Loco Cha Cha“ im Arrangement von Rene Touzet – ein lokaler Hit –  und der Beat des Eröffnungsparts verhaftete sich in Berrys Kopf.

"Louie Louie" und "El Loco Cha Cha"

Betrachtet man die Struktur dieses Intros näher, so offenbart sich die simple, aber gerade durch ihre stringente musikalische Logik äußerst eingängige harmonische Verbindung (I-IV-V-I), die Berry so fesselte, dass er sie zum Herzstück seines neuen Songs machte. Dabei transponierte er die Harmonien lediglich um eine Quinte nach oben (von C-Dur nach G-Dur). Untrennbar verbunden mit diesem harmonischen Verlauf ist der prägnante Rhythmus, den Berry durch eine Bass-Stimme ebenfalls sehr originalgetreu imitierte – das musikalische Gerüst von „Louie Louie „stand.

Richard Berrys Louie… ———————– El loco cha cha

Zur gleichen Zeit erschien „Havana Moon“, ein Song von Chuck Berry – mit Richard Berry jedoch nur im Geiste verwand – , der neben dem Frank Sinatra Hit „One for my Baby (and one more for the Road)“ die entscheidende Idee für den Songtext liefern sollte: die universelle Kraft des Heimwehs und die drängende Sehnsucht nach der Liebsten. In „Havana Moon“ wünscht sich der namenlose karibische Seemann nach Kuba, in „Louie Louie“ nach Jamaica. Der Vergleich der Wortwahl offenbart die Parallelen sehr deutlich:

Louie01

Bei der Betrachtung der Songzeilen fällt aber auch noch eine weitere Gemeinsamkeit auf:

Der karibisch-amerikanische Kauderwelsch, der dem Text bereits eine gewisse Obskurität verleiht.

Damit nahmen die beiden Berrys die mit Harry Belafontes Hit „Jamaica Farewell“ losgetretene Calypso-Welle quasi schon Monate vorher vorweg. Bleibt die Frage nach Louie’s Identität. Richard Berry verfolgte das gleiche Konzept wie in dem Musical-Klassiker „One more for my Baby (and one more for the Road)“, in dem ein Betrunkener dem Barkeeper sein Leid klagt. Berry taufte den Mann hinterm Tresen kurzerhand „Louie“ und schoss den Song damit in die popmusikalische Umlaufbahn. Der 1957 als B-Seite seiner Single „You are my Sunshine“ mit seiner Gruppe The Pharaos veröffentlichte Song blieb jedoch nur ein regionaler Hit an der kalifornischen Küste und seine Magie drohte schnell wieder zu verglühen. Berry verkaufte zudem die Rechte an „Louie Louie“, um für seine bevorstehende Hochzeit flüssig zu sein und glaubte die Sache damit erledigt.

“Die Version” oder: Let’s give it to them right now!

Doch das sollte erst der Anfang gewesen sein. Ein paar Jahre später, 1.000 Meilen nördlich. In Seattle gräbt Lawrence Roberts die Single von Berry & The Pharaos auf dem Wühltisch eines Plattenladens aus und nimmt den Song 1961 unter seinem Pseudonym Rockin’ Robin Roberts mit seiner Band The Fabulous Wailers neu auf. Die Bass-Stimme aus Berry’s Original, die das markante rhythmische Fundament stellt, erweiterte Roberts in seiner Version durch Tenorsaxophon und Gitarre. Daneben verliehen sein souliger Gesang mit den ungestüm geschmetterten „oh no’s“ und „yeahs“ sowie ein furioses Gitarrensolo, eingeleitet durch Roberts’ Schrei „Let’s give it to them right now!“, dem Titel eine ganz neue sexuelle Anziehungskraft.

„Louie Louie“ war der Unaufdringlichkeit des R&B-Originals entwachsen und hatte das Feuer des Rock’n’Roll gefangen. Doch auch diesmal sollte „Louie Louie“ kein großer Hit werden, allerdings war der Titel der Musikszene an der pazifischen Nordwestküste nun ein Begriff und unter den Teenagern aus der Region ein beliebter Partysong. Und so versuchten zwei lokale Bands – The Kingsmen sowie Paul Revere & The Raiders – in einer Aprilwoche des Jahres 1963 erneut ihr Glück im Aufnahmestudio. Erstere sollten dabei die bis dato erfolgreichste Coverversion des Songs produzieren. Dabei sprachen die Umstände, unter der die Aufnahme stattfand nicht gerade für das Quartett um Sänger Jack Ely aus Portland. Für 50 Dollar erhielt die Gruppe zwei Stunden Zeit, um die Version von Rockin’ Roberts bestmöglich zu kopieren.

Das Cover der Kingsmen-Version

Das Cover der Kingsmen-Version

Angeblich benutzte die Band nur ein einziges Mikrophon für die Aufnahme, welches auch noch in zu großer Entfernung zu Sänger Ely positioniert wurde. Sein Gesang war durch die undeutliche Artikulation quasi unverständlich und klang, als habe er ein paar Bier zu viel gekippt. Aus „A fine little girl, she waits for me“ wurde beispielsweise „Ayfain liyelkurwl away onee“ (vgl. Marsh, 1989). Zudem könnte man aufgrund des näselnden Klanges seiner Stimme vermuten, dass das Mikrophon zu hoch platziert worden war und er quasi an die Decke singen musste. Neben diesem Manko beinhaltet der in einem Take aufgenommene Song noch so manch weiteren Patzer.

So glaubte Ely, sein eigentlich korrekter Einsatz nach dem Gitarrenbreak wäre zu früh gekommen und wartet einen weiteren Durchlauf des Riffs ab, bevor er mit der letzten Strophe fortfährt. Schlagzeuger Lynn Easton versuchte die Stelle durch ein Drum Fill zu kaschieren. In der letzten Zeile der Strophe spielt die Band bereits den Refrain an, wohl weil Ely’s Gesang aufgrund der miserablen Mikrofonierung so gut wie nicht zu hören war. An anderen Stellen hört man die Musiker gar sprechen oder fluchen. Das begrenzte Budget der Band ließ jedoch eine erneute Aufnahme im Studio nicht zu und so wurde „Louie Louie“ zu einem unfreiwillig lärmenden, gitarrenlastigen Toben mit lallenden Vocals und gelegentlichem Geplauder. Der einflussreiche Bostoner DJ Arnie Ginsberg spielte den Song mit den Worten „worst record of the week“ in seinem Programm.

Trotz dieses vernichtenden Stempels wurde die Kingsmen-Version überraschenderweise ein Riesenerfolg, „Louie Louie“ landete auf Platz 2 der Billboard Charts im Dezember 1963. Die zeitgleich aufgenommene, um einiges poliertere Interpretation von Paul Revere & The Raiders blieb dabei interessanterweise weit hinter der Popularität der rauen, amateurhaft anmutenden Kingsmen-Version zurück. Wohl macht gerade die ungestüme Drauflos-Interpretation der Kingsmen ihre Version von „Louie Louie“ so unvergleichlich fesselnd:

“[Ely] went for it so avidly you’d have thought he’d spotted the jugular of a lifelong enemy, so crudely that, at that instant, Ely sounds like Donald Duck on helium. And it’s that faintly ridiculous air that makes the Kingsmen’s record the classic that it is, especially since it’s followed by a guitar solo that’s just as wacky”.

Dave Marsh, 1989 (http://www.lexjansen.com/cgi-bin/marsh_xml.php?fn=11)

Die trotz der dilettantischen Spielweise und schlechten Aufnahmequalität nicht zu zügelnde, wilde Energie der Kingsmen-Interpretation von „Louie Louie“ erwies sich somit als eigentliches Herzstück des Rock’n’Roll:

„And, gradually, from Memphis to Merseyside, kids in beat groups heard it and felt confirmed in a growing suspicion that enthusiasm was more important to rock ‘n’ roll than technical competence or literal meaning.“

Richard Williams (The Independent, 27.06.1993)

Die unabsichtliche Verstümmelung des Songtexts in der Kingsmen-Version, die Freiraum für alle möglichen Interpretationen bot, rief zuletzt gar die Sittenwächter des FBIs auf den Plan. Unter den Teenagern kursierten die wildesten Textversionen (vgl. http://www.xs4all.nl/~tdg/louie1.html). Überbesorgte Eltern schrieben Briefe an die Behörden, um eine weitere Verbreitung des umstrittenen Rocksongs zu unterbinden (vgl. http://www.thesmokinggun.com/louie/louie.html). Man befürchtete eine Verrohung der Jugend durch die im Text angeblich besungenen Obszönitäten sowie eine staatsgefährdende Mobilisierung subversiver Gruppierungen. Unter der Kennzeichnung „ITOM“ (Interstate Transportation of Obscene Material) versuchten die Ermittler den kryptisch anmutenden Songtext offenzulegen, beispielsweise sollte das Abhören in verschiedenen Geschwindigkeiten die versteckten Schändlichkeiten zu Tage bzw. Ohren befördern. In Indiana erhielt „Louie Louie“ gar Spielverbot im Radio. Nach 30 Monaten wurden die Ermittlungen jedoch abgeschlossen, da der Verdacht nicht bestätigt werden konnte. Die Kingsmen dürften sich gefreut haben. „Louie Louie“ war durch den FBI-Wirbel mehr denn je zum absoluten Kultsong avanciert.

The Kingsmen – Louie Louie

Weitere Versionen: And the story goes on…

Auch nach dem Erfolg der Kingsmen-Version riss der Coverwahn nicht ab. Zahlreiche mehr oder weniger namhafte Künstler erkannten das Potenzial des Songs und versuchten sich je nach ihrem individuellen musikalischen Background an einer eigenen Lesart von „Louie Louie“. Die Beach Boys blieben bei ihrer Aufnahme des Titels von 1964 dem Original von Richard Berry mit den für sie charakteristischen Vokalharmonien noch relativ treu. Dagegen verschärften die Sonics den rauen Ton der Kingsmen-Version in ihrer Interpretation von 1965 so sehr, dass man nahezu von Punk-Rock sprechen möchte – und das Jahre bevor die Ramones, die Sex Pistoles oder The Clash am Horizont auftauchten. Letztere versuchten sich Ende der Siebziger schließlich auch an einer eigenen Variante von „Louie Louie“ und betitelten die Platte passenderweise „Louie is a punkrocker“.

Auch Black Flag nahmen Louie Louie auf..

Auch Black Flag trafen auf Louie...

Die Folkrock-/Easylistening-Combo The Sandpipers suchte das andere Extrem und verwandelte den Song in eine langsam dahinschwebende, spanische Ballade im Stile ihres größten Hits „Guantanamera“. Die Version von Toots & The Maytals sticht durch den markanten Reggae-Sound, dem freieren Umgang mit der Form – die Gruppe baute einen Break ein, der mehrmals wiederholt wird – sowie den Saxophonsoli ebenfalls hervor. Zu den prominentesten Interpreten des Songs zählen des weiteren The Kinks, Patti Smith, Motörhead oder Barry White. Natürlich darf auch der obligatorische Remix nicht fehlen. Dieser ist ein regelrechtes Big-Beat-Inferno und stammt von der britischen Formation The Three Amigos. Eine komplette Auflistung aller Interpreten von „Louie Louie“ bis zum Jahr 2004 ist einzusehen unter http://www.louielouie.net/fmp-database/all_louies.pdf

The Sonics: http://www.youtube.com/watch?v=WhM5k_EGzaQ

The Clash: http://www.youtube.com/watch?v=b9cjnqzUoE4

The Sandpipers: http://www.youtube.com/watch?v=PMrPWdeYedo

Toots & The Maytals: http://www.youtube.com/watch?v=otbtDNT6FA8

Motörhead: http://www.youtube.com/watch?v=WDP7_h4wkgw

The Three Amigos: http://www.youtube.com/watch?v=CQh0CCdA42Y

Cover 2.0

Fat Boys

2. Lied auf der B-Seite

2. Lied auf der B-Seite

Neben den „gewöhnlichen“ Covern, versuchten ein paar Künstler auch „Louie Louie“ in einen selbstreflexiven Zusammenhang zu stellen, also quasi mittels eines Covers einen Song über den Song zu schaffen. Die aus Brooklyn stammende Hip Hop Formation The Fat Boys nahm die turbulente Geschichte hinter der Kingsmen-Version von „Louie Louie“ zum Anlass, die Strophen in ihrer Interpretation von 1988  durch fetzige Rap-Passagen zu ersetzen, in denen sie die Hintergründe zum Song originell verpackt präsentierten:

I was talking with my mom about music one day

She told me about this song called Louie, Louie

That when she was my age caused a big ass rumble

They thought it was filthy cause the words were mumbled

Like the singer was trying to cover up the lyrics

They pulled it off of the air caused the people with hysterics

(http://www.top40db.net/Lyrics/?SongID=88355&By=Artist&Match=Fat+Boys)

Das markante, stark rhythmisierte Riff des Refrains behielten sie bei, welches sie zusätzlich mit einem bebenden Hammond-Sound sowie gelegentlichen Glockenspielschlägen noch stärker akzentuierten. Auch auf das (für einen Hip Hop Track wohl eher unübliche) Gitarrensolo – welches wiederum ein unübersehbarer Verweis auf die Kingsmen-Version darstellt – wollten die Fat Boys nicht verzichten. Das Video dazu, hier:

The Fat Boys – Louie Louie: http://www.youtube.com/watch?v=yEFSoJqblw0

Iggy Pop

Iggy Pop

Iggy Pop

Sogar Punkrock-Veteran Iggy Pop kam nicht an „Louie Louie“ vorbei. Für sein 1993 erschienenes Album „American Caesar“ nahm er eine ganz eigene Version auf, mit zynischen Verweisen auf das Versagen der Weltpolitik trotz Ende des Kalten Krieges. In seinem Songtext wird „Louie Louie“ quasi zum Fluchtpunkt aus der aussichtslosen Situation:

The communist world is fallin apart

The capitalists are just breakin hearts

Money is the reason to be

It makes me just wanna sing louie louie

[…]

Life after bush & gorbachev

The wall is down but something is lost

Turn on the news it looks like a movie

It makes me wanna sing louie louie

Louie louie

Oh baby I gotta go

Lets go

(http://www.lyricsfreak.com/i/iggy+pop/louie+louie_20066886.html)

Gepaart mit Iggy Pops betont lasziven Auftreten wird „Louie Louie“ hier zu einem hoch explosiven Gemisch, bei dem Ermittlungen des FBI ironischerweise wohl nicht ganz so ergebnislos geblieben wären wie damals bei den Kingsmen.

Iggy Pop – Louie Louie (live): http://www.youtube.com/watch?v=nNXJBXBoiN0

Frank Zappa

FrankZappa_Synthie

Der "späte" Frank Zappa

Ein Mann, der in der SongHistory von „Louie Louie“ nicht fehlen darf, ist Frank Zappa. Der Song durchzieht seine vielschichtige, genre-übergreifende musikalische Biographie wie ein roter Faden. Auf die Frage, welche Songs von anderen Musikern er besonders wertschätze, antwortete Zappa in einem Interview:

“I liked ‘Subterranean Homesick Blues’ by Bob Dylan, I liked ‘Paperback Writer’ by the Beatles and ‘I Am the Walrus.’ And no one may not underestimate the impact of ‘Louie Louie’ the original Richard Berry version.”

Frank Zappa, 1987 (http://www.louielouie.net/10-zappa.htm)

So zitieren oder verweisen zahlreiche seiner Kompositionen, unter anderem von seinem Album „Absolutely Free“ von 1967 auf „Louie Louie“.

Die Songzeile „Plastic people, oh baby, now you’re such a drag“ aus dem Song „Plastic People“ imitiert beispielsweise die Phrase „Louie Louie, oh baby, me gotta go now“. Auch das Intro und der Rhythmus des Songs orientieren sich stark an Berrys Vorlage. „Son of Suzy Creamcheese“ ist ebenfalls nicht frei von „Louie“-esken Einflüssen, betrachtet man den melodischen Verlauf. (Eine vollständige Auflistung aller Zappa-Songs mit Referenzen zu „Louie Louie“ findet man unter http://www.louielouie.net/10-zappa.htm). Daneben sprechen auch weitere Indizien für Zappas Verehrung von „Louie Louie“: angeblich feuerte Zappa seine Gitarristin Alice Stuart, weil sie den Song nicht beherrschte. Bei einem Mothers of Invention Konzert in der Londoner Royal Albert Hall Ende der Sechziger wurde das Riff kurzerhand auf der legendären viktorianischen Orgel angespielt, zu hören auf dem Album „Uncle Meat“ von 1969. Und gegen Ende seines Lebens nannte Zappa „Louie Louie“ gar ein „archetypal American musical icon“ (Doll, 2009).

Aus Alt mach Neu: Die Formel “Louie Louie”

„Louie Louie“ hatte jedoch auch über die Coverversionen hinaus einen prägenden Einfluss auf die Popmusik. Die simple, aber gerade durch ihre stringente musikalische Logik äußerst eingängige musikalische Struktur des Songs lieferte zahlreichen Künstlern Inspirationsschübe und Anknüpfungspunkte für ihre eigenen Kompositionen. Dabei wurde das vor allem durch die Kingsmen-Version populär gemachte Vier-Akkord-Riff (A-A-A – D-D – Em-Em-Em – D-D) interessanterweise in Songs wieder aufgegriffen, die textlich eine mehr oder weniger starke sexuelle Begierde zum Gegenstand haben:

„[…] the most fascinating aspect of the “Louie” legacy is the fact that the four-chord vamp, post-“Louie,” has retained its coital associations. Myriad songs after 1963, including the Rolling Stones’ “(I Can’t Get No) Satisfaction,” Neil Diamond’s “Cherry Cherry,” and the Romantic’s “What I Like about You,” employ a “Louie”-like riff to convey their hedonistic subject matters. The four-chord vamp has thus become a kind of sonic sign for sexual (dis)satisfaction.“

Christopher Doll, 2009 (http://www.empsfm.org/education/index.asp?categoryID=26&ccID=127&xPopConfBioID=1136&year=2009)

Und tatsächlich bewegt sich die Harmonik der genannten Songs ganz oder zumindest teilweise über die Akkorde A, D, und E im Verhältnis von Tonika, Subdominante und Dominante, wobei einer der Akkorde pro Durchlauf jeweils gedoppelt wird und somit stark an das charakteristische Vier-Akkord-Riff der Kingsmen-Vorlage erinnert. Vor allem in der Bridge von „Cherry Cherry“ (ab dem Part „tell your mama, girl, we can’t stay long…“) von Neil Diamond werden dabei die strukturellen Parallelen zu „Louie Louie“ durch eine ähnliche rhythmische Akzentuierung ersichtlich. Weitere Songs, die das Louie Louie-Riff (I-IV-V-IV) in mehr oder weniger abgewandelter Form enthalten sind beispielsweise „Wild Thing“ in der Version der Troggs (A –D –E –D, siehe Abbildung), „Hang on Sloopy“ von den McCoys (G-C-D-C), „Sweets for my Sweet“ von den Searchers (C-F-G-F), „Get off of my Cloud“ von den Stones (E-A-B-A) oder gar „Summer Nights“ aus dem Musical „Grease“ (D-G-A-G). Und auch diese Titel vereinen (mit Ausnahme des rebellischen Stones Hits „Get off of my Cloud“) wiederum das kennzeichnende Vier-Akkord-Riff und ein im Songtext bekundetes, (un)erfülltes sexuelles Begehren.

"Louie Louie" und "Wild Thing"

"Louie Louie" und "Wild Thing"

Der Vergleich von Vorlage und Imitation offenbart hier somit eine gewisse Formelhaftigkeit. Die oben genannten Songs folgen dem durch „Louie Louie“ vorgelegten harmonischen Muster (I-IV-V-IV-Verbindung), größtenteils auch der zentralen inhaltlichen Aussage (sexuelle (Un)Zufriedenheit) sowie der rhythmischen Akzentuierung (leichte Variationsmöglichkeiten sind natürlich nicht ausgeschlossen, wie das Beispiel von „Wild Thing“ zeigt). Einzig Tonart und Tongeschlecht bleiben austauschbare Variablen (die meisten Imitationen verzichten auf den Moll-Wechsel in der Dominante). „Louie Louie“ liefert folglich eine Art grundlegende Pop-Formel, die zahlreichen Musikern als Kompositionsschablone diente. Der Song wurde also mehr oder weniger Bestandteil des Schaffens etlicher Künstler, welches wiederum das ihrer Nachfolger prägen sollte, und übte damit über die Jahre einen nachhaltigen Einfluss auf die Popgeschichte aus.

Fazit

Anhand der aufregenden Reise, die „Louie Louie“ von den 50ern bis zur Gegenwart zurückgelegt hat, lässt sich nicht nur die Unkaputtbarkeit einer simplen, eingängigen  Melodie erkennen, sondern auch eine grundlegende Funktionsweise der Pophistorie ablesen. Auf seinem Weg durch die Jahrzehnte übte der Song durch seine zeitlose Prototyphaftigkeit und sein quasi unerschöpfliches Interpretationspotenzial eine solche Faszination aus, dass ihn Künstler mit unterschiedlichstem musikalischen Hintergrund aufgriffen, in die eigene, individuelle Kompositionspraxis direkt oder indirekt integrierten und weiterentwickelten, was nachfolgende Musikergenerationen wiederum in ihrem Schaffen inspirierte. So konnte „Louie Louie“ letztendlich in das kollektive popkulturelle Bewusstsein dringen. Diese „Recycling-Philosophie“ lässt sich natürlich nicht nur auf „Louie Louie“ anwenden, sondern ist als permanenter Prozess der Popkultur zu verstehen, der in der oft herrschenden Unübersichtlichkeit die nötigen Konstanten liefert. Einen solchen Ausgang hätte sich der Urheber der Melodie wohl nicht erträumen lassen.

„Richard Berry – who was later able to reclaim some of his rights to the song – looked on in amazement as his ‘duh-duh-duh duh-duh, duh-duh-duh duh-duh’, with its simple story of a homesick Jamaican, became a cornerstone of contemporary popular music.“

Richard Williams (The Independent, 27.06.1993)

Epilog

Einen letzten Hint und Link gilt es am Ende dieses Artikels zu geben.

Was in folgendem Video angesprochen wird, ist nicht direkt über “Louie Louie” und dennoch thematisch in unmittelbarer Nähe davon – Tom Waits führt in Kürze aus, wie ein Grundmuster, ein Song eine solche Projektionsfläche mit sich bringen kann, dass genug Raum für alle nachfolgenden Interpretationen entsteht. Überträgt man das hier Gesagte auf Louie Louie, so ist das emotionale Grundmotiv von “Louie Louie” das Weggehen von Jemanden und Etwas – und so abstrakt, wie es durch diese Worte beschrieben wird, ist es zu belassen – dann kann es “gefüllt” werden, mit konkreten Geschichten und Schicksalen, Motiven – selbst mit Thematiken, die sich scheinbar ausschließen – eben weil sich Person, Zeit und Umstände ändern…

Quellen

Doll, Christopher (2009): (Dis)satisfaction as Song: Blues, Jazz, Rock, and the Dawn of the Sexual Chord Progression. Letzter Zugriff am 13.08.2009 unter http://www.empsfm.org/education/index.asp?categoryID=26&ccID=127&xPopConfBioID=1136&year=2009

Marsh, David (1989): The Heart of Rock and Soul. Letzter Zugriff am 08.08.09 unter http://www.lexjansen.com/cgi-bin/marsh_xml.php?fn=11

o.N. (o.J.): The Louie Louie Pages. Letzter Zugriff am 13.08.2009 unter http://www.xs4all.nl/~tdg/louie1.html

Pareles, Jon (1997): Richard Berry, Songwriter of `Louie Louie´ dies at 61. In: The New York Times. Ausgabe 25.01.1997. Letzter Zugriff am 10.08.2009 unter http://www.nytimes.com/1997/01/25/arts/richard-berry-songwriter-of-louie-louie-dies-at-61.html

Predoehl, Eric (2006): Louie Louie.net. Letzter Zugriff am 11.08.2009. unter http://www.louielouie.net/01-welcome.htm

Williams, Richard (1993): Louie Louie: written on lavatory paper. In: The Independent. Ausgabe 27.06.1993. Letzter Zugriff am 09.08.2009 unter http://www.independent.co.uk/news/world/louie-louie-written-on-lavatory-paper-and-sold-for-only-dollars-750-richard-williams-on-a-rock-n-roll-classic-that-sold-300m-and-inspired-a-generation-1494065.html

Autoren: Stefanie Steinbichl / Heiner Klaasen-van Husen

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