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Dubplate-Cutting – Zu Besuch bei Audiowerker

October 7, 2009 Home, Artikel, Stories Kein Kommentar
Vinyl Cutting Setup

Vinyl-Cutting Setup

Nachdem wir erfahren hatten, dass in Stuttgart einer der landesweit spärlich gesäten Plattenschneider zu finden ist, ließen wir alles liegen und stehen, und machten uns auf den Weg dorthin. Nach unkomplizierter Kontaktaufnahme standen wir dann auch schon eine Woche später in den heiligen Hallen von Audiowerker und vor dessen Inhaber – Björn Hülpüsch, der in der Stuttgarter Urbanstraße Vinyl-Rohlinge zu Platten schneidet. Dabei kommt keineswegs eine Neumann VMS80 zum Einsatz, sondern eine Konstruktion, die zunächst etwas zu simpel dafür wirkt, als dass sie wirklich den Cuts der wesentlich massiveren Neumann-Anlagen die Stirn bieten könnte. Im Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass hier beinahe vom Gegenteil oder zumindest davon auszugehen ist, dass das kleine System dem großen in Nichts nachsteht.

Björn Hülpüsch von Audiowerker & Sebastian Falter

Björn Hülpüsch von Audiowerker (mitte) & Sebastian Falter (rechts)

Interessant war zudem der Kontext, in welchem sich Hülpüsch und seine Tätigkeit des Platten-Schneidens eingebettet findet: Zusammen mit seinem Musiker-Kollegen Sebastian Falter legt er unter dem Pseudonym Thetaphi elektro- und beatlastige Musik auf, und produziert(e) auch schon den ein oder anderen Drum&Bass Track – in diesem Zusammenhang wollten wir natürlich wissen, ob sich das Plattenschneiden und Produzieren gegenseitig ergänzt und befruchtet. Dann fokusierte das Gesprächsthema des Öfteren auch noch über dem Menschen, von dem Hülpüsch die Schneide-Anlage einst erstanden hatte, da dieser eine Institution in Sachen Vinylrecording darstellt – So oder so, Mittelpunkt des Gesprächs war der Vorgang, der den Ton aus und in den Vinyl fräst – Das Dubplate-Cutting.

Produzenten-Team THETAPHI

Die DJ Arbeits-Umgebung

Die DJ Arbeits-Umgebung

Recordjob: Zunächst zu eurem gemeinsamen Hintergrund: Seid Ihr unter dem Aspekt des Plattenschneidens zusammengekommen, oder, weil Ihr zusammen produzieren wolltet.

Sebastian Falter: Kennengelernt haben wir uns so 1996 auf diversen D&B Acts rund um Stuttgart, wo ich mit einem gemeinsamen Freund, Basti, auch aufgelegt habe. Veranstaltet wurden diese Acts unter anderem von der Fiva Crew – die unter der Veranstaltungsreihe “Dimensions” als eine der Ersten Leute aus U.K. hierher holten.

Björn Hülpüsch: Ich hab damals mit dem Basti zusammen produziert und Sebi mit dem Basti aufgelegt – so kamen wir dann zusammen. Und so hat das dann auch angefangen, dass wir unsere ersten D&B Beats produziert haben.

Recordjob: Worauf habt ihr damals gearbeitet?

Björn Hülpüsch: Ein Rechner mit einer Soundkarte, die damals schon eine phänomenale Anzahl von 8 Ausgängen hatte. Dann ein Behringer Mischpult und ein Gitarren-Effektgerät. Später hab ich mir irgendwann den ersten Synthie geholt. Insgesamt also ganz spärliches Equipment.

Recordjob: Aber schon mit einem Sequenzer?

Die aktuelle Produktionsumgebung

Die aktuelle Produktionsumgebung

Björn Hülpüsch: Ganz am Anfang hab ich noch mit Wavelab die Sachen zusammengeschnitten. Also dort gecuttet und anschließend gesampelt. Und bei der Soundkarte war eine Discovery-Version von Logic dabei. Die hatte 8 Spuren, ein Delay und ein Hall – keine Automation, etc. Sodass wir im Prinzip live gemischt haben. Die Regler rauf runter und den Pan live eingestellt. Dann hab ich irgendwann noch ein AKAI dazu geholt. Und dann hatten wir noch die billigsten Plattenspieler. Das war also alles eine riesen Improvisation damals, gerade weil man nur 8 Audio-Spuren hatte. Die Spuren wurden natürlich auch immer zusammengemischt, damit man weiterarbeiten konnte.

Sebastian Falter: Was vom Lernprozess her aber maßgeblich war – Wir haben dann hauptsächlich von Platten Beats eingespielt, die dann in Wavelab geloopt und in Logic gesequenzt. Die acht Spuren aus Logic dann aufs Mischpult gesetzt und dort einen Jam draus gemacht. Da sind dann alle Spuren gleichzeitig gelaufen, und wir haben jeweils nach Bedarf die Spuren aufgemacht.

Björn Hülpüsch: Und dann mit Keyboards, Digeridoo, der Maultrommel und mit Vocals experimentiert – alles was man halt rumstehen hatte.

Sebastian Falter: Oder mit der Gitarre und Gitarren-Effektgerät dazu gespielt und dann den Jam mit der Kassette mitgeschnitten. Auf diese Weise hat das alles angefangen.

Recordjob: Also habt ihr aufgelegt und nebenher produziert. Aber mit den selbst produzierten Tracks oder Jams habt ihr dann live nichts gemacht?

Björn Hülpüsch: Nein, live haben wir damals nichts damit gemacht. Wir hatten zudem auch die Arbeitsteilung so vorgenommen, dass Sebastian das Auflegen und das Programmieren der Beats übernimmt. Und ich habe mich um den Sound und die Technik gekümmert – also welches Equipment wir brauchen, um die Verkabelung, um die Frage, wie wir den Kompressor einstellen, etc. – das war von der Aufgabenteilung her sehr gut und effektiv.

Die Schneidemaschine

Recordjob: Und wann hat das mit dem Plattenschneiden angefangen?

Björn Hülpüsch: Das war eigentlich unabhängig davon. Ich hab mir Ende 2002 die Maschine gekauft. Ich bin da auch eher per Zufall drübergestolpert. Ich war arbeiten und mir war langweilig, und dann bin  ich über diese Web-Seite gestolpert – hab das Ding gesehen und war sofort begeistert, und habs mir dann gleich 2 Wochen später geshoppt.

Recordjob: Und die Maschine war intakt – hat voll funktioniert?

Björn Hülpüsch: Jein. Die war nämlich eigentlich fast noch ein Prototyp. Das war die vierte Kiste, die der Typ jemals zusammengebaut hatte. Mittlerweile hat er dagegen, glaube ich, so 150 Stück davon verkauft – weltweit. Ich hab noch Nummer 4.

Recordjob: Und wer ist dieser Mensch?

Björn Hülpüsch: Der heißt Suri und wohnt auf der schwäbischen Alb. Das ist so ein richtiger Daniel Düsentrieb. Der hatte sich irgendwann das Ziel gesetzt: Ich stell eine Machine her, mit der man mit schmalem Geld Platten schneiden kann – Als Konkurrenz zu dieser 50.000 € Neumann-Maschine – und hat das auch hingekriegt. Aber dennoch war es auch von mir mit einer riesigen Tüftelei und Improvisation verbunden, weil das Ding, wie gesagt, Nummer 4 war. Da war eigentlich alles noch relativ offen. Ohne technisches Knowhow wäre ich da auf jedenfall auf der Strecke geblieben.

Recordjob: Und wie kamst du zu den ersten Aufträgen?

Björn Hülpüsch: Das hat dann relativ schnell angefangen, weil ich einen recht guten Draht zu den Jungs von Santorin hatte, dem Tübinger D&B Label. Die haben überall ihre Finger drin, was D&B angeht, und das war auch die Zeit, wo Dubplates noch sehr gut gelaufen sind – wo man richtig gut verkaufen konnte.

Sebastian Falter: Wobei erschwerend hinzu kommt, dass es das damals noch gar nicht gab, von wegen mit CDs auflegen. Weil es Final Scratch und solche Sachen noch gar nicht gab. Und dann war es halt so das coolste was man als Producer und DJ haben konnte – die eigene Dubplate mit dem eigenen Track drauf.

Björn Hülpüsch: Genau. Und damals gab es bisher eigentlich erst die Acetat Platten und dann war halt im Prinzip die Neuerung – Dubplates auf Vinyl, haltbar wie ne gepresste Vinyl. Und die Santorin-Jungs hatten die ganzen Kontakte in der Szene, haben überall Flyer dazu gelegt, haben mich richtig gut gepusht und ich hab praktisch über Nacht extrem viele Aufträge bekommen. Das ging über Nacht richtig gut los.

Recordjob: Das war wann?

Björn Hülpüsch: Anfang 2003 hat das richtig angefangen.

Recordjob: Und wann war das wieder vorbei?

Björn Hülpüsch: Anfang letztes Jahr ging es rapide bergab. Wobei es gerade wieder etwas hoch geht, von der Auftragslage her. Die Nachfrage alterniert. Die besten Jahre waren aber definitv 2004 – 2007. Da hab ich eigentlich fast nichts anderes gemacht, außer den ganzen Tag Platten schneiden– Teilweise saß ich 8 Stunden an der Maschine und hab wirklich eine Platte nach der anderen geritzt.

Recordjob: Das Schneiden läuft in realtime?

Björn Hülpüsch: Richtig, die Datei läuft auf dem Rechner ab und wird in Echtzeit abgespielt. Betrachtet man den ganzen Arbeitsprozeß, kommt natürlich noch die Vorbereitung dazu – ich muss erstmal alles einstellen und bin natürlich auch im Kontakt mit dem Kunden. Anschließend noch die Rechnung schreiben und zur Post.

Was es zu beachten gilt…

Recordjob: Und wie musst du den Sound vorbearbeiten, dass du ihn dann schneiden kannst?

Björn Hülpüsch: Kommt drauf an, wie gut es gemastert ist. Manchmal gar nicht, manchmal viel.

Recordjob: Womit bearbeitest Du das?

Die digitale Vorbearbeitung

Die digitale Vorbearbeitung

Björn Hülpüsch: Das mach ich alles digital, einfach weil die Bearbeitung analog viel zu lange dauern würde. Das wichtigste sind die Frequenzen, das Stereo-Panorama, die Vocals – und bei stark komprimierter Musik, wie bei HipHop, wenn die Rechtecke stehen – dann muss ich diese wieder wegbekommen, weil ich das nicht auf Platte schneiden kann. Aber im Prinzip sind das mittlerweile zwei, drei Handgriffe – ich schau mir den Track an, hör 5 Sekunden rein, dann weiß ich was für Plugins ich brauche, rechne es drüber und fertig. Oft mache ich mittlerweile nicht mal mehr ein Probeschnitt, was ich am Anfang immer gemacht hab.

Recordjob: Was ist mit tiefen Frequenzen, stellen die ein Problem dar?

Björn Hülpüsch: Genau. Ganz tiefe Frequenzen auf jedenfall. Denn der Tonarm vom Plattenspieler hat eine Eigenresonanz von 20 – 30 Hz. D.h. wenn diese Frequenzen auch auf der Platte drauf sind, dann fängt der Tonarm an zu schwingen und springt beim Abspielen aus der Rille. Was bedeutet, dass ich alles unterhalb von 30 Hz radikal weg cutte. Das ist von daher kein Sound-Defizit gerade jetzt bei D&B, da Club-Anlagen auch erst bei 40 Hz anfangen. Und eine Hifi-Home-Anlage bei 70 Hz. Und auch bei Stereo muss man aufpassen. Unterhalb von 40 Hz sollten kein Stereo-Anteil drin sein. Dafür hab ich dann ein ganz spezielles Plugin, wo ich frequenzabhängig das Stereo-Panorama verändern kann. Oben bleibt alles Stereo wie es ist und unten drück ich es halt zusammen, wenn zuviel drin ist. Wobei das so gut wie nie vorkommt.

Der ewige Trend zur CD

Recordjob: Und wie kommen die Leute zu Dir? Abgesehen von den D&B Kunden kommen ja auch andere Leute zur Dir.

Björn Hülpüsch: Bis vor zwei Jahren waren es schon hauptsächlich Leute aus dem Club-Bereich, also DJs und Produzenten. Dann waren es jedoch auch kleinere Labels, die kleinere Auflagen gemacht haben oder Bands, die eine 5er, 10er oder 20er Auflage wollten. Anschließend waren es 2 Jahre lang bestimmt 60 % aus dem Ragga/Dancehall Bereich, die jetzt mittlerweile aber auch alle mit CDs auflegen. So hatte ich unter anderem das Sentinel Soundsystem jahrelang als festen Kunden – da habe ich bestimmt 200 Platten im Laufe der Jahre geschnitten. Mit den Platten waren sie dann auch auf dem Wordclash und haben dort dann auch gewonnen. Was natürlich ein super Gefühl wahr.

Recordjob: Und wirklich alle diese Leute springen früher oder später auf die CD um?

Plattenschneiden als Passion und Handwerk

Plattenschneiden als Passion und Handwerk

Björn Hülpüsch: Es sind halt einfach die Begleitumstände – wenn man es auf Platte haben will, musst man hier vorbeikommen, oder es herschicken und die Platten auch wieder abholen – und bezahlen musst Du auch noch. Und dann schleppst Du halt noch deine 50 kilo Plattencases immer mit. Und auf der anderen Seite stehen mittlerweile überall CD-Player – Dann nimmt man halt einfach den Silberling mit oder die Festplatte und fertig.

Sebastian Falter: Und ebenso hinzu kommt auch, dass die meiste im Club gespielte Musik kein Scratchen benötigt. Außer bei HipHop oder Ragga reicht es eigentlich vollkommen, zwei pitchbare CD-Player zu haben und ein Mischpult. Das ist also eine Kostenfrage – Selbst bei Final Scratch, wenn das ganze Vinyl sogesehen wegfällt, brauchst Du allein für das System und den Laptop knapp 2 ½ Tausend Euro. Gerade bei Techno, House, Minimal, da brauchst Du das gar nicht.

Björn Hülpüsch: Geht da wahrscheinlich sogar besser mit diesen Systemen. Die synchronisieren ja zudem für dich und dann geht es quasi von alleine.

Recordjob: Nimmt einem halt viel Arbeit ab. Aber abgesehen davon, war das ja sowieso nie das Publikum, das zum Plattenschneiden bei dir vorbei kam.

Björn Hülpüsch: Nein. Nicht viele. Klar aus dem D&B Bereich waren es schon viele, aber es ging dann auch relativ schnell wieder zurück. Dann klar auch aus dem Techno, House, oder Goa kamen schon mal immer wieder irgendwelche Leute. Dann aber auch Leute aus dem Kunstbereich, mit völlig abgedrehten Sachen, was man eigentlich gar nicht mehr als Musik bezeichnen kann. Ab und zu mal das Staatstheater, die für Aufführungen Platten gebraucht haben oder sonst irgendwelche Kunstvereine für irgendwelche Performances.

Recordjob: Und mittlerweile?

Björn Hülpüsch: Mittlerweile ist es eher mehr der Privatkunde, der halt für seine Vinylsammlung Sachen haben will, die es nicht auf Vinyl gibt.

Recordjob: Und was ist da die Motivation? Der Sound ist es ja nicht – wenn ich es hier anbringe, ist es schon digital, oder geht bei dir über die digitale Instanz, bevor es dann auf Platte landet?

Björn Hülpüsch: Es ist vor allem die Haptik. Etwas zu haben, was man wirklich anfassen kann. Es ist größtenteils Liebhaberei. Darum sind es auch viele, die im Hobbyraum oder Keller eine Jukebox stehen haben und dann dafür Sache haben wollen. Sicher gibt es auch noch den ein oder anderen Produzenten oder DJ, der seine Sachen auf Vinyl haben will…

Synergie – Plattenschneiden und Produzieren

Recordjob: Andere Frage. Habt ihr es auch aktiv im Produktions-Prozeß bei Thetaphi genutzt, dass ihr eine Plattenschneidemaschine rumstehen habt? Also euren Sound auf die Platte geschnitten und dann wieder als Sample eingesetzt, etc.?

Sebastian Falter: Vereinzelt haben wir das gemacht. Z.B. bei dem Track Rainbow Stout – das war ein Release auf Santorin. Da haben wir den Beat genommen, so wie er war. Björn hat ihn auf Platte geschnitten und dann den Beat auf der Platte “rewinded”. Diesen Rewind-Effekt aufgenommen und als Break oder Drop eingesetzt. Das macht man ja heute alles digital – die Möglichkeit gab es halt damals noch nicht.

Björn Hülpüsch: Des Weiteren haben wir schon auch noch andere Sachen probiert, gerade weil wir nicht nur D&B produzieren, sondern auch Trip Hop und Elektro – wenn es Richtung Portishead geht. Die arbeiten ja auch viel mit Platten. Die haben sich damals ja wirklich ihre Samples auf Platte pressen lassen, also keine Dubplates, sondern wirklich gepresst. Und damit dann diese ganzen abgefahrenen Sounds gemacht. Daran hab ich mich auch teilweise orientiert. Irgendwelche Streicher-Samples auf Platte genommen und dann damit rumexperimentiert.

Die Dubplate

Recordjob: Um da noch einmal ganz naiv nachzuhaken – der Unterschied zwischen Dubplate und Platte pressen lassen besteht allein in einem zusätzlichen Produktionsschritt?

Björn Hülpüsch: So in etwa. Der Schnitt ist im Prinzip der gleiche. Man schneidet einmal auf die Matrize, auf die Mutterplatte und dann gibst du es ins Presswerk und dort wird dann ein galvanischer Abdruck davon gemacht. Das hab ich jahrelang auch selber angeboten. Ich hab also auch Matrizen hergestellt und geschnitten.

Recordjob: Wahrscheinlich gerade dann, wenn einer eine größere Auflage haben will?

Der Technics 1210 speziell getuned...

Der Technics 1210er - speziell getuned...

Björn Hülpüsch: Genau. Das hab ich drei Jahre lang angeboten und dort die Matrizen, diese Lack-Acetat Platten geschnitten und dann ins Presswerk geschickt, und die haben dann davon die Presswerkzeuge gemacht. Das hab ich teilweise auch mit den Vinyl-Rohlingen gemacht. Darauf hatte sich ein Presswerk eingelassen. Was für mich natürlich super war, weil diese Vinyl-Rohlinge gegenüber den Acetat-Rohlingen um ein mehrfaches billiger sind. Wenn dann bei beim Vinyl-Rohling ein Fehler passiert, ist das finanziell wesentlich besser zu verkraften. Irgendwann hatte das Presswerk aber keine Lust mehr darauf, weil die Technik für die viel aufwendiger war, als bei diesen Acetat-Platten, worauf das Werk optimiert war.

Recordjob: Acetat ist um einiges weicher?

Björn Hülpüsch: Ja, genau. Früher waren auch die Dubplates auf Acetat. Und dann hattest Du das Problem, dass man das 20 Mal abspielen konnte und dann wars das.

Sebastian Falter: Darum waren die Dubplates früher ja auch berühmt und berüchtigt. Wenn man eine hatte, war sie brandneu – konnte sie ja nur sein, eben durch den schnellen Verschleiß. Bei jedem Abspielen nutzte sich was ab und nach zwanzig Mal konnte man die Platte wegschmeißen.

Björn Hülpüsch: Grade auch im Club, wenn man das Gewicht vom Tonarm voll reingedreht hatte, damit es nicht springt – waren diese Plates extrem kurzlebig.

Sebastian Falter: Das war dann immer ein richtiges Highlight, wenn man in den Besitz dieser Dubplates kam, und weil man sich dann zweimal überlegte, ob man sie bringt – oder eher nicht.

Die technische Seite

Unter dem Mikroskop wird der Schnitt begutachtet

Unter dem Mikroskop wird der Schnitt begutachtet

Recordjob: Okay und geschnitten wird aber generell mit…

Björn Hülpüsch: Vinyl mit einem Diamant, der selbst speziell geschnitten ist, weil es sonst rauscht. Dieser Diamant steckt in einer Vorrichtung drin –  im Prinzip wie zwei Lautsprecher – die diesen „Stichel“ dann durchschütteln. Und die Acetat-Platten werden mit einem Saphir geschnitten. Da ist einfach jedes Material auf sich abgestimmt. Dann muss man natürlich auch die ganze Schneideanlage noch neu ausrichten und justieren.

Recordjob: Es ist also wirklich noch einmal zu betonen, dass es eine technische Meisterleistung ist, das Konzept von den riesigen Neumann-Schneidemaschinen auf eine so schmale Anlage runterzubrechen, wie Du sie hier nutzt. Vor allem, da die Qualität dabei zufriedenstellend ist.

Mikroskop-Fotografie eines normalen Schnittes...

Mikroskop-Fotografie eines normalen Schnittes...

Björn Hülpüsch: Sie ist sogar mehr als zufriedenstellend. Ich hab mal den Test gemacht und es ist wirklich mehr als vergleichbar mit einer Neumann Maschine. Ich hab selber dazu ein paar Tracks auf so ne Acetat Platte geschnitten und ins Presswerk geschickt und pressen lassen, und hab parallel dazu vom Presswerk die gleiche Platte mit einer Neumann-Maschine schneiden lassen, ohne dass die wussten, dass ich ein Vergleich mache – und hab dann beides dem Kunden zugeschickt. Der durfte dann entscheiden, was besser ist: Und der hat sich dann für meine Version entschieden.

Recordjob: Das ist eine Ansage für sich.

Björn Hülpüsch: Ja, also auf jedenfall vergleichbar damit. Eine Neumann beruht halt seit 50 oder 70 Jahren auf der gleichen Technik – die werden ja auch gar nicht mehr hergestellt. Die gibt’s ja eigentlich nicht mehr. Und der Suri hat soweit ich weiß 15 Jahre entwickelt und ziemlich viel Geld investiert.

Recordjob: Du machst ja sehr viel manuell.

Björn Hülpüsch: Ja, jetzt ist es halt auch so, das ich das schon so lange mache, dass ich jetzt auch gar keine Lust mehr hab, mich da umzustellen – neben dem finanziellen Aspekt und der momentanen Auftragslage. Mittlerweile ist es eben ein Hobby von mir geworden. Ich schaffe ja nebenher eigentlich was anderes und schneide dann am Wochendende und abends die Platten. Da gehört das Einstellen und Justieren mittlerweile einfach fest dazu.

Recordjob: Neben dem Schneidegerät hast Du ja auch ein Mikroskop stehen.

Beispiel für gefährlich nahe Rillen...

Beispiel für zu dichte Rillen...

Björn Hülpüsch: Genau, da schau ich die Platten dann an. Wenn ich mal ein Probeschnitt mache, dann schau ich mir unter dem Mikroskop die Rillen an: Sind sie tief genug, berühren sie sich, hab ich das Stereopanorama richtig eingestellt…

Recordjob: Siehst Du alles mit den Augen?

Björn Hülpüsch: Da sehe ich im Prinzip 10 bis 20 Rillen – je nachdem, wie groß der Rillenabstand ist. Und ich sehe dann wirklich auf der Platte die Musik. Das ist aber auch wirklich wieder der faszinierende Part dabei, weil man wirklich sieht, was man macht – das ist manifestierte Physik. Bei der Platte siehst du im Gegensatz zur CD z.B. wirklich, was da passiert ist – da ist was rausgefräst. Der Kanal, der die überlagerten Frequenzen irgendwie darstellt. Ist halt wirklich ein Handwerk.

Recordjob: Und die Stichlinge bekommst du woher?

Björn Hülpüsch: Auch von dem Suri. Der ist wirklich konkurrenzlos in dem Bereich. Es gibt wirklich nur den. D.h. natürlich auch: Wenn der ein Autounfall hat, dann hab ich Pech – Dann gibt’s das Business im Prinzip nicht mehr. Natürlich gibt’s auch noch andere Produkte – die sind jedoch so teuer, dass sich diese der Ottonormal-Verbraucher nicht leisten kann. Es gibt noch Vinylium aus der Schweiz, da kostet das vergleichbare Set aber soviel wie bei Neumann – so um die 30, 40 tausend Euro.

Der Markt & Anfängerfehler

Recordjob: Und wieviel Systeme gibt es in Deutschland?

Björn Hülpüsch: Exakt weiß ich es nicht, aber ich schätz mal so 20. Allerdings ist es oft so, dass Sohnemann sagt, ich will unbedingt zum Geburtstag die Maschine haben – und bekommt sie dann von den Eltern geschenkt. Dann merkt er aber nach der dritten Platte, dass der Diamand abgebrochen ist – und nach der vierten Platte wieder. Dazu muss man sagen – ich hab am Anfang auch vier tausend Euro Lehrgeld gebraucht, bis ich es mal beherrscht hab. Aber Sohnemann weiß es halt nicht und hat dann irgendwann kein Geld mehr. Oft tauchen die Maschinen dann wieder bei ebay auf, oder vergammeln im Keller. Darum gibt es mit mir noch zwei, drei, vier Anbieter, die vergleichbar sind – bei denen es vergleichbar läuft. Die anderen Systeme sind auch oft angeschafft worden, weil mal eine Band zusammengelegt hat, oder ein  Dancehall-Projekt. Es gibt ungefähr 10 Firmen, die den Service anbieten, aber nicht mal ne Hand voll, die davon Leben können – wo es also wirklich läuft.

Recordjob: Wodurch brechen die Stichel denn beim Anfänger?

Die Vaccumpumpe zur Absaugung der Rille

Die Vaccumpumpe zur Absaugung der Rille

Björn Hülpüsch: Man hat ein Hebelchen, mit dem man den Schneidekopf auf die Platte runterlässt  – wenn der zu schnell kommt, zerbricht er. Dann hat man ein Rad mit dem man das Gewicht einstellt, also optimalerweise liegt der Schneidekopf mit 15 bis 20 g auf der Platte. Dann stellt man mal 25 g ein, lässt den Kopf drauf, fängt an zu schneiden – zack, abgebrochen. Dann hat man falsche Frequenzen – falsch im Sinne von, falsch zum Vinyl schneiden: In der Musik sind viel zu viele Höhen, zu viele Zischlaute in den Vocals, dann ist der Stichel nach einem Lied niedergeschmirgelt. Dann kanns sein das der Rohling bisschen wellig ist, dass er darum abbricht, oder dass du mit dreckigen/staubigen Händen den Diamant anfasst, oder Du hast Staub auf der Platte – das ist also echt diffizil, aber genauso faszinierend wiederum. Klar, es kann sein, ich schneide 200, 300 Platten mit einem Diamant – wunderbar, keine Probleme – es kann aber auch sein, ich hab ne schlechte Woche und mir gehen in einer Woche zwei Stichel kaputt. Oder ich hab einen schlechten Tag, bin schlecht gelaunt – zack, Stichel abgebrochen. Ich krieg nen Hals, mach weiter – zack, nächster Stichel kaputt. Das ist ein wirklich interessante Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Es gibt so Tage, wo man dasitzt und eine Platte schneidet und denkt – Nein, heute mach ich nicht mehr weiter, heute geht sonst irgendwas kaputt.

Recordjob: Bei dieser Neumann-Maschine, geht da auch alles vollautomatisch – Stichwort CNC, oder hast du auch diese manuellen Schritte wie bei Dir?

Björn Hülpüsch: Also Mastern sollte man ja immer, bevor man schneidet. Und dabeisitzen muss man auch, es ist nicht wie bei einer CNC-Fräse, die man einmal programmiert. Das Plattenschneiden ist so oder so ein Handwerk, wo der Handwerker daneben sitzen muss.

Vinyl als Institution

Recordjob: Wobei ich noch einmal kurz auf die Vision beim Musikschaffen zurückkomme, wie sie noch vor wenigen Jahren oft anzutreffen war. Nämlich nach mühevoller Arbeit des Produzierens oder Komponierens schließlich seine eigene Platte in der Hand zu halten – Das ist halt wirklich eine eigene Dimension. Das habt ihr als Produzenten-Team mit dem Background ja noch viel eher gehabt als alle anderen, oder? Gerade weil das heute durch die schon angesprochenen Umstände einfach nicht mehr diesen quasi-religiösen Kontext hat, ist doch eindeutig etwas verloren gegangen – wenn man in diesem Kontext groß geworden ist.

Sebastian Falter: Unbedingt. Und wie Du schon sagst, war genau das das wirklich coole bei uns, das Björn das mit dem Dubplate-Cutting gemacht hat und wir noch zusammen Musik gemacht haben. Wir hatten dadurch die Möglichkeit, nach unserem Geschmack Musik zu produzieren und das Ergebnis direkt verfügbar zu machen. Wir hatten ja, schon bevor das mit dem Plattenschneiden anfing, Kontakt zu den Santorin-Leuten. Als wir dann aber bei den Pressure-Parties, damals in Tübingen im Depot, mit unserem neuen Track auf Platte ankamen und sagen konnten: komm, spiel mal das, und der hat das dann gebracht und man hat direkt Feedback von den Leuten – das war dann genau das, was Du meintest. Man hat die Eigenproduktion direkt zum Abspielen verfügbar – das machte riesen Spaß, das dann auch so zu veräußern.

Björn Hülpüsch & Sebastian Falter

Björn Hülpüsch: Das hat sich aber auch auf einer anderen Ebene noch ergänzt und befruchtet. Wenn ich für D&B Leute Platten bzw. Dubplates geritzt hab, hab ich denen auch ein Thetaphi Sampler oder eine Mix-CD reingelegt und wir konnten so unsere Stücke zusätzlich promoten. Wodurch wir dann teilweise auch Auftritte bekommen haben, die sonst nicht möglich gewesen wären.

Recordjob: Gut, dann danke ich für das Interview

Björn Hülpüsch: Danke ebenso.

Sebastian Falter: Gerne.

Kontakt über:

Audiowerker: http://audiowerker.de/

THETAPHI: http://www.myspace.com/thetaphi

recordjob-Anmerkung:

Die im Interview genannte Institution in Sachen Plattenschneide-Anlagen auf der schwäbischen Alb nennt sich Ulrich Sourisseau und findet sich über folgende Seite:

http://www.vinylrecorder.com/

Was und wie das funktioniert kann man zudem noch in zwei Videos betrachten:

Zum einen das Video von Vinylrecorder selbst:

Zum anderen eine Live-Demonstration auf der Popkomm 2008 (mit etwas eigenwilliger Kameraführung)

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