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SongHistory – House of the rising Sun

January 18, 2010 Artikel, SongHistory Kein Kommentar

Es war einmal eine Folkballade…

Bis The Animals mit der "aufgehenden Sonne" da und im Pop-Zenit waren, hatte die schon einen weiten Weg hinter sich gebracht...

One day, a man showed up from the East, a young guy in an old car trolling Kentucky’s mountains with a bulky contraption to record people singing their songs. Georgia – blond, pretty, just 16 – gathered up her mother and headed over to Tillman Cadle’s house. In a nasal drawl she performed her favourite, the twangy lament called “Rising Sun Blues.” 
That day, Georgia Turner made her contribution to musical history.
Anthony, 2000, http://www.blues.co.nz/news/article.php?id=358

Die Herkunft

Es ist wohl dem Musikforscher Alan Lomax zu verdanken, dass der Song um das berühmteste Bordell der Popgeschichte nicht in der Versenkung verschwunden ist. Auf der Suche nach den zumeist auf mündlicher Überlieferung basierenden, traditionellen Weisen der ländlichen Bevölkerung reiste Lomax im Auftrag der Library of Congress Anfang der 1930er Jahre mit einem sperrigen Band-Recorder quer durch die Vereinigten Staaten.

Alan Lomax

Sein Zwischenstopp im Örtchen Middlesboro in den Hügeln Kentuckys am 15. September 1937 sollte schließlich einer kleinen Melodie den Weg aus der Abgeschiedenheit ins kollektive popkulturelle Bewusstsein dies- und jenseits des Atlantiks ebnen. Georgia Turner, Tochter eines verarmten Bergarbeiters, hätte sich wohl nicht träumen lassen, was die Aufnahme ihrer Interpretation der Folkballade in den folgenden Jahrzehnten auslösen würde. Dabei hatte der Song bereits zu diesem Zeitpunkt eine lange Geschichte hinter sich. Der Songtext – durch die Ortsangabe offensichtlich eng verbunden mit dem US-amerikanischen Süden – erzählt vom ruinierten Leben einer jungen Frau, die über die Trunksucht ihres Liebhabers klagt und vor einem mysteriösen Haus der „aufgehenden Sonne“ warnt. Mit dieser euphemistischen Umschreibung war dabei wohl ein ganz spezielles Etablissement gemeint:

In the United States, The Rising Sun, a song with roots in 17th century British folk melody — the rising sun has been a longtime symbol for brothels in British and American ballads — circulated widely among Southern musicians, black and white. Rumble, 1983, http://www.woodyguthrie.de/house.html

Die Melodie des Songs ging laut Lomax ursprünglich auf „Matty Groves“ (auch bekannt als „Little Musgrove and Lady Barnard“), eine alte Weise aus England aus dem 17. Jahrhundert zurück und war durch englische Siedler nach Middlesboro gelangt. Erst nachdem Lomax das Lied 1941 zusammen mit weiteren Schätzen seiner Reise unter dem Titel „Our Singing Country“ veröffentlichte, wurde der „Rising Sun Blues“ erstmals wirklich im öffentlichen Musikleben wahrgenommen. Und das nicht von irgendjemand.

Woodie Guthrie (links) und Alan Lomax (rechts)

Woody Guthrie (li) und Alan Lomax (re)

Woody Guthrie, Godfather des Folk, war Showman genug, provinzielle Anschauungen in seinen Songs für die Massen radiotauglich zu verpacken. Er selbst war aus einer Kleinstadt in Oklahoma nach New York City gezogen und brachte „House of the Rising Sun“ durch seine Interpretation Anfang der 1940er Jahre seiner überwiegend weißen Zuhörerschaft näher. Dabei orientierte er sich stark an der Version von Georgia Turner. Begleitet von der Akustikgitarre imitierte er die von Turner verwendete Melodielinie, vertauschte lediglich ein paar Textzeilen und ersetzte das selbstreflexive „girl“ mit einem neutralen „soul“ (siehe unten). Doch nicht nur Guthrie und der weiße Folk waren Teil der pulsierenden New Yorker Musikszene dieser Tage. Trotz der damals strikten Rassentrennung entdeckten auch afroamerikanische Künstler den Song für sich. Blues-Legende Huddie William Ledbetter, besser bekannt als „Lead Belly“, sowie Josh White nahmen den Titel in ihr Repertoire auf, und verhalfen der sogenannten „Race Music“ damit zur (zumindest partiellen) Integration in den von den Radiostationen diktierten Mainstream. Lead Bellys Interpretation deutete bereits ein interessante neue Variante an: indem er „girl“ mit „boy“ tauschte, bezog er den Songtext auf einen männlichen Blickwinkel – die vollkommene Transformation der Perspektive sollte jedoch noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. In Whites Version lässt sich dagegen die heute bekannte Melodielinie bereits erkennen. Ihr eindringlich klagender Charakter rührt von der für den Blues typischen Empfindsamkeit und erschloss das Publikum, das Guthrie nicht erreichen konnte.

Der Songtext


Es folgt der traditionelle Songtext von Georgia Turner mit den Ergänzungen von Woody Guthrie, Lead Belly und Josh White:

There is a house in New Orleans they call the Rising Sun.
It’s been the ruin of many a poor girl (Turner) / soul (Guthrie) / boy (Lead Beally)
and me, O God, for one.

[If I had listened what Mama said, I’d be at home today.
Being so young and foolish, let a rambler lead me astray. (Guthrie / White)]

Go tell my baby sister never do like I have done
To shun that house in New Orleans they call the Rising Sun.

My mother she’s a tailor, she sewed these new blue jeans.
My sweetheart, he’s a drunkard, Lord, Lord, drinks down in New Orleans.

The only thing that a drunkard needs is a suitcase and a trunk.
The only time he’s satisfied is when he’s on a drunk.

[Fills his glasses to the brim, passes them around.
Only pleasure he gets out of life is hoboin’ from town to town. (Guthrie)]

One foot is on the platform and the other one on the train.
I’m going back to New Orleans to wear that ball and chain.

[Going back to New Orleans, my race is almost run.
Going back to spend the rest of my days beneath that Rising Sun. (Guthrie)]

Georgia Turners Rising Sun Blues ——————– Woody Guthrie:

Lead Belly:————————- Josh White:

The Animals: Eine neue Perspektive

“I realised one thing: You can’t out-rock Chuck Berry.”
Eric Burdon, http://www.blues.co.nz/news/article.php?id=358

Auf ihrer Tour mit Chuck Berry und Jerry Lee Lewis durch Großbritannien machten die Mitglieder der frisch gegründeten Rockband The Animals 1964 aus der Not eine Tugend. Nachdem sie gemerkt hatten, dass sie, was den Höhepunkt ihres Sets anging, nicht gegen Berry und dessen Kollegen „anrocken“ konnten, entschlossen sie sich kurzerhand, ihre eigene Nische zu schaffen und eine Ballade am Ende ihres Auftritts zu spielen. Eric Burdon, Sänger der Animals, kam dabei „House of the Rising Sun“ in den Sinn. Der Titel war in der damals angesagten Folkmusik-Szene mittlerweile eine große Nummer geworden, sogar Joan Baez und Bob Dylan hatten schon eine Version aufgenommen. Für Burdon war dies die Chance, auf den Zug mitaufzuspringen:

“I thought, ‘Why don’t we take this song, reorganise it, drop some of Dylan’s lyrics and get Alan Price to rearrange it?'”
Eric Burdon, http://www.blues.co.nz/news/article.php?id=358

Vox Continental

Und Animals-Keyboarder Alan Price und seine Bandkollegen machten ihre Sache gut. Ihre Version begann mit Hilton Valentines unverkennbarem Gitarrenarpeggio, um das bis heute wohl kein Gitarrenschüler herumkommt, gefolgt von Burdons kraftvoll heulendem Gesang und dem pulsierenden Orgelsound von Prices Vox Continental. Sein Orgelsolo in der Mitte des Songs war inspiriert von keinem geringeren als Jimmy Smith, dessen virtuose Improvisationen die Rolle der Orgel im Jazz der 1960er Jahre revolutioniert hatte – Insbesondere Smiths Interpretation zu dem Film „Walk on the wild side“ aus dem Jahr 1962 – auch hier ist New Orleans passenderweise Schauplatz des Geschehens – soll als Vorlage für Prices Solo gedient haben. Als Metrum wählten die Animals im Gegensatz zum 4/4 Takt vieler früherer Versionen (wie z.B. von Woodie Guthrie) die beschwingtere 6/8 Variante, die dem Song einen ganz anderen Fluss verlieh und zum “mitschunkeln” animierte. Doch auch eine andere Sache überarbeiteten die Animals grundlegend an ihrer Interpretation von „House of the Rising Sun“: die Erzählperspektive. Was Lead Belly mit seiner Version bereits einige Jahre zuvor angedeutet hatte, brachten die Animals zu Ende. Nicht länger war die Leidensgeschichte einer Frau im Zentrum des Geschehens, sondern die eines Mannes; das besungene Laster verschob sich von Prostitution zur Spielsucht. Dieser Perspektivenwechsel war damit nicht zuletzt auch um einiges radiofreundlicher und sollte sich der Karriere der Animals als dienlich erweisen.

Rise and Fall

Ihre Version von „House of the Rising Sun“ löste jedesmal einen solchen Begeisterungssturm beim Publikum aus, dass die Animals den Song noch während der laufenden Tour im Studio aufnahmen. Da sie die Nummer quasi on the road perfektioniert hatten, war nur ein einziger Take für die Aufnahme notwendig, den sie bei der Produktion der populären britischen Musikshow „Ready Steady Go!“ mal eben dazwischenschoben, wie Animals-Drummer John Steel berichtet:

“We Played Liverpool on May 17 1964 and then drove to London where Mickie (Most) [Produzent der Animals] had booked a studio for ITV’s Ready Steady Go! Because of the reaction we were getting to ‘Rising Sun,’ we asked to record it and he said, ‘Okay we’ll do it at the same session.’ We set up for balance, played a few bars for the engineer – it was mono with no overdubs – and we only did one take. We listened to it and Mickie said, ‘That’s it, it’s a single.’ John Steel, http://www.songfacts.com/detail.php?id=439

Die Single

Aufgrund der für eine Single dieser Zeit ungewöhnlichen Länge von viereinhalb Minuten wurde zunächst eine gekürzte Fassung des Songs veröffentlicht. Diese wirkte allerdings unvollständig, so dass der Release der kompletten Fassung nicht lange auf sich warten ließ. Am 5. September 1964 löste diese schließlich den Supremes Hit „Where did our love go“ an der Spitze der Billboard Charts ab. Damit wurde „House of the Rising Sun“ von den Animals zur ersten Nummer 1 Single mit über vier Minuten Spieldauer. Nach diesem großen Erfolg erhielt die Band ein Telegramm von ihren wohlbekannten britischen Kollegen mit dem Worten „Congratulations from The Beatles (a group)“ und Bob Dylan weigerte sich, seine Version von „House of the Rising Sun“ je wieder live zu spielen – er musste sich nämlich ab diesem Zeitpunkt den Vorwurf anhören, den Song von Eric Burdon geklaut zu haben! http://www.flickr.com/photos/blackmagicplastic/398777529/ „House of the Rising Sun“ sollte leider nicht nur der Titel sein, für den die Animals bekannt wurden, sondern auch derjenige, der letztendlich für die Auflösung der ursprünglichen Bandformation verantwortlich war. Wegen Platzmangel für alle fünf Namen auf dem Plattenlabel wurde nur Alan Price, der der erste in alphabetischer Reihenfolge war, als Urheber des Erfolgsarrangements aufgeführt, – sicher spielte die Naivität der übrigen Bandmitglieder dabei eine nicht unwesentliche Rolle – und somit war er der einzige, der Tantiemen für den Song erhielt. Dies führte zu einiger Verstimmung innerhalb der Band, vor allem mit Gitarrist Hilton Valentine, dessen Riff ihre Hit-Version des Songs nicht minder zu verantworten hatte wie Prices virtuose Orgelklänge. Schließlich verließ Price die Band und Burdon trat mit den verbleibenden Musikern fortan unter dem Namen „The New Animals“ bzw. „Eric Burdon & The Animals“ auf (vgl. McLean, 2009). „House of the Rising Sun“ sollte jedoch ihr einziger Nummer 1 Hit bleiben.

The Animals: House of the Rising Sun

Wer “stahl” den Song von wem? Hintergründe zu den Versionen von Van Ronk, Bob Dylan & The Animals.

Hard Rock-, Blues- und Hip Hop-Exkursionen: Weitere höhrenswerte Versionen

Neben der Interpretation der Animals schaffte es nur eine einzige weitere Version von „House of the Rising Sun“ in die oberen Ränge der Hitparaden: Frijids Pinks ekstatische Rockvariante aus dem Jahr 1969. Ihr Stil erinnerte an den Punk von MC5 und den Stooges. Sänger Kelly Green orientierte sich stark an der Phrasierung Eric Burdons, doch sonst lehnte sich die Band an die früheren Versionen des Songs im 4/4-Metrum an. Mit ihrem durch Wah-Wah und Fuzz verzerrten Gitarrensound sowie den energetischen Drums schufen sie einen Klassiker des Hard Rock. „House of the Rising Sun“ sollte jedoch ebenso wie in der Diskographie der Animals Frijid Pinks größter und einziger Erfolg bleiben.

Frijid Pink: House of the Rising Sun

Eine andere Herangehensweise an die Nummer legte Tracy Chapman an den Tag. Ihr Cover von “House of the Rising Sun” aus dem Jahr 1990 weist eine ganz neue Melodieführung auf und ist ein Feuerwerk aus klagender E-Gitarre, Blues-Piano und einem mitreißendem, mit lateinamerikanischer Perkussion angereichertem, ternären Beat. Trotz ihrer weiblichen Perspektive übernahm sie interessanterweise nur die erste Strophe von Georgia Turners Interpretation und hielt sich sonst an die Textvariante der Animals – sie vertauschte lediglich die vierte und fünfte Strophe.

Tracy Chapman: House of the Rising Sun

jean wyclef

Selbst die Hip Hop-Community entdeckte den Song für sich, genauer gesagt Erfolgsrapper, Fugees-Gründungsmitglied und Produzent Wyclef Jean. Mit seinem Titel „Sang Fezi“ kleidete er den Klassiker in einen neuen Kontext. Die althergebrachte Melodie von „House of the Rising Sun“ bildete dabei die Basis für den in haitischer Sprache gehaltenen Songtext – ein Lamento auf Rassismus und polizeiliche Gewalt im New York der 1990er Jahre (vgl. McLean, 2009).

Wyclef Jean feat. Refugee Allstars: Sang Fezi

There is a House in New Orleans: Rätsel um das wahre Sündenhaus

Bei soviel Aufhebens um das unheilvolle Etablissment in New Orleans stellt sich unweigerlich die Frage, inwiefern der Songtext nun der Wahrheit oder Fantasie entsprungen ist. Fremdenführer in New Orleans schmücken ihre Stadtrundgang jedenfalls gerne mit der belustigenden doch nicht ganz ernstzunehmenden Geschichte von einer gewissen Madame Marianne LeSoleil Levant („Madame Aufgehende Sonne“) aus der St. Louis Street aus, die in den 60er Jahren des vorletzten Jahrhunderts viele junge Burschen ins Unglück gestürzt haben soll. Mittlerweile gibt es jedoch Hinweise auf die reale Existenz des viel besungenen Hauses an anderer Stelle.

Stand hier das Sujet eines der populärsten Songs der Popgeschichte?

Vor allem ein ehemaliges Gebäude in New Orleans kommt in Frage, die Inspiration für den Songtext der Folkballade geliefert zu haben: ein kleines Hotel in der Conti Street Nr. 535-537 im French Quarter mitten im Herzen von New Orleans, das aufgrund eines Brandes 1822 nur wenige Jahre bestand. Bei einer archäologischen Grabung im Auftrag der Gesellschaft für die Geschichte Louisanas vor ein paar Jahren fand man Überreste einer ungewöhnlich großen Anzahl an Keramik-Schminktöpfchen im typischen Stil des frühen 19. Jahrhunderts, die zu der Zeit zumeist Schauspielerinnen, Tänzerinnen oder eben Prostituierten als Rougebehälter dienten. Daneben tauchten auch Scherben zahlloser Brandy- und Bierflaschen sowie eine Werbetafel auf, die auf die Nutzung als Bordell hinweisen könnten. In einem Zeitungsarchiv der Stadt fand man eine entsprechende Anzeige für das Hotel von 1821:

„»Keine Mühen oder Kosten werden gescheut«, versprachen die neuen Betreiber, eine Firma mit dem Namen L. S. Hotchkiss, »um umfangreiche Zufriedenheit zu gewährleisten und wie in den vergangenen zwanzig Jahren für beste Unterhaltung zu sorgen.« Zum Angebot der Lokalität gehörte eine »mit grundsätzlich guten Spirituosen ausgestattete« Bar. Damit nicht genug: »Gentlemen können sich darauf verlassen, bei uns aufmerksame Bedienung zu finden.« Mit anderen Worten: ein Herrenetablissement.“ Franz, 2005, http://www.zeit.de/2005/23/A-House_of_the_Rising_Sun

Von New Orleans in den deutschen Norden: Die Sterne fragen: „Was hat dich bloß so ruiniert?“

In den frühen Neunzigern gründet sich in Hamburg eine junge Band, deren erklärtes Ziel es ist, ein neues Kapitel in der deutschsprachigen Rockmusik aufzuschlagen. Dabei geht es den Mitgliedern nicht um die zwanghafte Integrierung aktuell angesagter musikalischer Trends in den eigenen Stil, sondern vielmehr um die unkomplizierte Einverleibung des Altbekannten, Bewährten und Vertrauten mit dem Ziel, eine eigene Lesart dieser Stücke bzw. Elemente dieser Stücke für sich zu finden.

„Denn Hip Hop ist gut, aber anstatt sich ewig mit dem Klären der Rechte für samples herumzuschlagen, ist es doch viel einfacher, Lieblingspassagen von Stücken selbst zu spielen und sie mit deutschsprachigen Texten zu überdachen. Die Grundidee der Rockband “Die Sterne” ist geboren“ http://www.diesterne.de/infos/0002.html

Die Sterne

Diese durchaus bodenständige Herangehensweise kam nicht von ungefähr. Sterne-Sänger und Frontmann Frank Spilker stammt selbst aus dem kleinen Ort Bad Salzuflen inmitten der ostwestfälischen Provinz und sammelte allerlei handgemachte musikalische Erfahrungen zusammen mit Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Achim Knorr (Der Fremde) und Bernadette La Hengst (Die Braut haut aufs Auge) im Dunstkreis des dort ansässigen Kassettenlabels „Fast Weltweit“, bevor er 1990 in die Hansestadt zog und mit den Sternen neben Tocotronic und Blumfeld zu den Protagonisten der sogenannten Hamburger Schule aufsteigen sollte. Trotz ihrer subversiven Attitüde, die sich bereits in ihrer ersten Single „Fickt das System“ offenbart, verzichten die Sterne auf plakative politische Parolen. Essenziell ist für sie aber die Live-Spielbarkeit ihres Materials, sämtliche musikalische Zitate inbegriffen. –> Pic Die Sterne 1997 http://www.flickr.com/photos/arenaberlin/3946849771/ So stößt man auf eben diese Zitate beim aktiven Musizieren im Proberaum – und dies ist zumeist auch ein gänzlich unwillkürlicher Vorgang:

„[…] was das Zitieren von Musik angeht, zeigt sich, dass dies bei den Sternen kein bewusster Akt der Auswahl von Elementen anderer Musikstücke ist. Gitarrenriffs oder Themem werden nicht zielgerichtet exzerpiert und reintegriert. Das Auftauchen dieser Ideen ist ein unbestimmtes Moment […].“ Fischer, 2007

Ist man aber erst einmal auf eine zitierwürdige Vorlage gestoßen, werden deren Charakteristika – wie im Falle von „House of the Rising Sun“, das in der Version der Animals als Inspirationsquelle für „Was hat dich bloß so ruiniert“ vom Album „Posen“ diente – in alter Sterne-Manier nicht unter den Teppich gekehrt, sondern bewusst in den Vordergrund gestellt:

„Es kommt oft beim Improvieren vor, dass man auf ein bekanntes Riff stößt und daran hängen bleibt. Traditionsgemäß wird dann bei uns nicht versucht, das zu vertuschen, sondern erst recht betont.“ Christoph Leich, Schlagzeuger der Sterne (Quelle: Fischer, 2007)

Im Falle von „Was hat dich bloß so ruiniert“ sind die Parallelen zur Vorlage trotz Einbettung in einen neuen Kontext auch eindeutig zu erkennen, sowohl was die musikalische als auch die textliche Ebene angeht. Diese offensichtliche Anlehnung an den Klassiker zollt einer guten, sich bereits bewährten Idee Tribut, holt diese ins Bewusstsein zurück und nutzt ihr über die Jahre und Generationen hinweg aufgebautes Wirkungspotential. Die hervorstechenden musikalischen Charakteristika der Animals-Interpretation von „House of the Rising Sun“ lassen sich somit auch prompt bei „Was hat dich bloß so ruiniert“ wiederfinden: die kennzeichnende Akkordstruktur (Am / C / D / F…), der kräftige Orgelsound sowie das unverkennbare, aus Achtelfiguren aufgebaute Arpeggio-Riff in der Gitarre. Dieses Riff übersetzten die Sterne jedoch aus dem balladesken 6/8-Takt in einen schwungvoll swingenden 4/4-Rhythmus mit deutlich erhöhtem Tempo, wodurch sie die einstige Folkballade in einen furiosen Rocksong transformierten, der einen geradewegs auf die Tanzfläche zwingt. Dieses Kunststück gelang ihnen, indem sie die für dieses Taktmaß fehlenden zwei Achtel durch Verdopplung der jeweils vierten und fünften Achtel eines jeden Taktes ergänzten. Die neu hinzugefügten Achtel wurden dann einfach übergebunden, was einen synkopenartigen Groove zur Folge hat (siehe Abbildungen a und b).

Abb. a: Das berühmte Gitarrenriff der Animals-Version im 6/8-Takt

Abb. b: Transformation des Riffs in einen 4/4-Takt in der Sterne-Version

Auch im Hinblick auf den Songtext können Parallelen zwischen Vorlage und Reinterpretation gezogen werden, wenn auch nicht ganz so offensichtlich wie auf musikalischer Ebene. Sieht man sich die zentralen Textzeilen aus beiden Songs mal im direkten Vergleich an, lässt sich doch ein recht ähnlicher Tenor herauslesen:

House of the Rising Sun (Animals):
It’s been the ruin of many a poor boy / And God I know I’m one.

Was hat dich bloß so ruiniert (Die Sterne):
Wo fing das an und wann? / Was hat dich irritiert? / Was hat dich bloß so ruiniert?

Es geht um Absturz, Versagen, Teufelskreise, seelische Sackgassen – auch wenn sich die Perspektive gewechselt hat. Bei „House of the Rising Sun“ handelt es sich quasi um eine Selbstdiagnose der eigenen misslichen Lage, bei „Was hat dich bloß so ruiniert“ geschieht dieser Feststellung als Frage formuliert durch eine zweite Person. Die aus diesen Worten geschaffenen Grundstimmungen sind jedoch so gut wie deckungsgleich.

„Auch vorher schon ein Element bei den Sternen, wird das musikalische Zitat diesmal prägendes Mittel. Das Loser-Drama >>Was Hat Dich Bloß So Ruiniert<< adaptiert den Klageruf der Animals, >>The House Of The Rising Sun<<.“
http://www.intro.de/kuenstler/interviews/23010837/die-sterne-starlight-express

Betrachtet man nun den Inhalt der Strophen von „Was hat dich bloß so ruiniert“ genauer, so wird der Kontext erkennbar, in dem die oben genannte Textzeile stehen könnte. Satzfragmente wie „Mit den anderen Kindern streiten, mit Papa und Mama“ / „Dass sie nicht zuhören wollten? Oder nichts glauben?“/ „Und dich einsperren in ihren Kaktusgarten“ / „Hast du denn niemals richtig rebelliert?“ scheinen auf eine familiären Konflikt zwischen Eltern und Nachwuchs hinzudeuten. Ganz eindeutig lässt sich die Aussage jedoch nicht festzurren, denn Interpretationsfreiheit wird bei den Sternen groß geschrieben, wie in folgendem Interview deutlich wird:

Frage: „In SPEX war mal zu lesen, beim Text von “Was hat dich bloß so ruiniert” sei das Thema “das repressive System Elternhaus”. Wie findet Ihr solche Interpretationen? Ist Euch das nicht zu kurz gefaßt?“ Sterne: „Nein, das kann man schon so sehen. Wenn einer das so auffaßt und schreibt, dann ist das okay für uns.
 Bei Texten geht es doch um Kommunikation. Wir sind sehr interessiert an Meinungen und Auffassungen über unsere Stücke. Was unsere Texte ausmacht, ist, daß sie Fragen aufwerfen. Man stellt etwas in den Raum und andere beschäftigen sich damit. Daß dabei unterschiedliche Interpretationen rauskommen, ist doch normal.“
http://www.hinternet.de/musik/intrview/intstern.php

Die Sterne: Was hat dich bloß so ruiniert

Fazit

Nach eingehender Untersuchung der langen und ereignisreichen Geschichte von “House of the Rising Sun” stellt sich zuletzt noch die Frage, was mit der Frau geschah, von der die allererste Aufnahme des Titels stammte. Nun, Georgia Turner aus Middlesboro, Kentucky verstarb bereits 1969 mittellos mit nur 48 Jahren an einer Lungenerkrankung. Gerade einmal 117 Dollar hatte ihr die Aufnahme eingebracht! Nichtsdestotrotz hatten sie und Lomax überhaupt erst den Grundstein für die Erfolgsgeschichte von “House of the Rising Sun” gelegt und den Song mit der Veröffentlichung in Lomax’s Songbook einem breiterem Publikum bekannt gemacht. Von da an verbreitete sich die Nummer wie ein Virus in der New Yorker Folk-Szene der 1940er Jahre, wurde in den Sechzigern mit den Animals – deren Version man unweigerlich im Ohr hat, sobald man an den Titel denkt – Teil der British Invasion und überquerte alsbald sämtliche Ozeane und Genre-Grenzen: Von Rock über Reggae, Disco, Trance, Punk, Blues, Easy Listening und Hip Hop. Letztendlich hat sich Georgia Turner damit wohl ihren wohlverdienten Platz in der Pophistorie gesichert.

“One American tune of many, up from the folkways, onto the highways and beyond – propelled by technology and globalisation and the desire to make two things: money and a difference. It is the story of modern mass culture, of taking something old, adding something personal and creating something universal.
It’s the story of the song called >>House of the Rising Sun<<.”
Mc Lean, 2009, http://www.blues.co.nz/news/article.php?id=358

Und als letztes Zitat (mit Bild) dieser SongHistory steht noch einmal das von Eric Burdon, das zugleich das Motiv für die Interpretation durch The Animals abgab:

You can't out-rock Chuck Berry.

Quellen

  • Anthony, Ted (2000): Old Song tells a Modern Story. The Story of “House of the Rising Sun”. Letzter Zugriff am 24.11.2009 unter http://www.bbc.co.uk/northernireland/music/story_behind/houseofrisingsun.shtml
  • Fischer, Björn (2007): Die Lyrik der späten Hamburger Schule (1992-1999): Eine intermediale Untersuchung. GRIN Verlag. Norderstedt. S. 50. Letzter Zugriff am 5.12.2009 unter http://books.google.de/books?id=i_hLloKkHCEC&pg=PT56&lpg=PT56&dq=was+hat+dich+bloß+so+ruiniert+house+of+the+rising+sun&source=bl&ots=3o0ZnhyZxY&sig=i8
    TRgUMGhlVZhoWdl6qwuFmslrs&hl=de&ei=d3_cSquNBsie_gat2eTPDA&sa=
    X&oi=book_result&ct=result&resnum=6&ved=0CBMQ6AEwBTgU#v=
    onepage&q=&f=false
  • Franz, Angelika (2005): Freudenfest im Sonnenhaus. In: Die Zeit. Ausgabe vom 02.06.2005. Letzter Zugriff am 02.12.2009 unter http://www.zeit.de/2005/23/A-House_of_the_Rising_Sun
  • McLean, Ralph (2009): Stories behind the song “House of the Rising Sun”. Letzter Zugriff am 11.12.2009 unter http://www.blues.co.nz/news/article.php?id=358
  • Rumble, John R (1983).: Liner Notes, Country & Western Classics: Roy Acuff, Time-Life Records. S. 19. Letzter Zugriff am 12.11.2009 unter http://www.woodyguthrie.de/house.html

Autoren: Stefanie Steinbichl / Heiner Klaasen-van Husen

Bilder von recordjob-Flickr-Kontakten: Arena Berlin (Die Sterne), hanneorla (New Orleans), marxchivist (frijid pink), jurvetson (Tracy Chapman), drusolini (wyclef jean), blackmagicplastic (The Animals), Vintage Vibe (Vox), friedpixphoto (Chuck Berry), lucas.miller (Guthrie/Lomax), imohk (Alan Lomax), Affendaddy (Animals Cover gelb), timotheusnewberg (Animals Cover grau)

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