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Produzenten-Porträt: 13 Fragen an Sebastian Böhnisch von sector3music – Teil 1

April 12, 2010 Interviews Kein Kommentar

Wodurch zeichnet sich für dich ein guter Mix aus?

Meiner Meinung nach klingt eine wirklich gute Mischung in allen Belangen ausgewogen. Man macht die Augen zu und kann sehen (bzw. hören), in was für einem Raum aufgenommen wurde und wo in diesem Raum die Musiker stehen. Außerdem kann man erhören über welche Amps bzw. Drums eingespielt wurde und manchmal sogar mit welchen Mikrofonen diese aufgenommen wurden. Zusätzlich zeichnet sich eine gute Mischung durch Luft in der Dynamik aus – ein Instrument darf auch mal in den Hintergrund rutschen anstatt immer dieselbe Lautstärke zu fahren und auch der Song kann mal um 9db leiser oder lauter werden. Letztendlich will ich ein farbenprächtiges, komplettes Bild von einer Band vor Augen haben, wenn ich eine gute Mischung höre. Und das soll natürlich musikalisch klingen und muss daher auch nicht immer perfekt sein.

Blick auf die Arbeitsumgebung von sector3music

Was war die letzte Sache, die du beim Aufnehmen und Produzieren neu ausprobiert hast?

Wir hatten gerade damit begonnen cleane E-Gitarren aufzunehmen und ich hatte das Gefühl, dass diese in der Produktion nicht so fett rüberkamen, wie ich es von einer LesPaul an einem Fender HotRod Deluxe Amp erwartet hätte. Zufällig hatten wir von einem Kollegen einen Vox AC15 Amp ausgeliehen, den ich schon lange mal ausprobieren wollte. Ich überlegte mir also beide Amps mit einem Signal zu bespielen und dann gleichzeitig aufzunehmen. Der Fender hat clean sehr viel Druck und ist deutlich höhenlastiger als der VoxAC15, dafür hat dieser ein schönes „Grummeln untenrum“ und klingt etwas ausgewogener. Da die Frequenzverteilung von Hause aus also schon geklärt war, konnte das meiner Meinung nach – entgegen der Einwürfe von Gitarristen und Co-Produzenten – also nur gut gehen!
Um den FenderAmp im Druck zu pushen entschied ich mich für ein SM57 – simpel wie bei einem Livegig positioniert. Beim VoxAmp wählte ich das Gefell UM70. Einfach über den Amp gehängt und an der richtigen Position festgetaped, wie man das standardmäßig bei einem Sennheiser e606 im Livebereich des Öfteren sieht.

Jetzt holte ich noch eine aktive DI von Radial aus dem Schrank und verkabelte so die Gitarre mit beiden Amps. Danach drehte ich die Amps weit auf, der Druck kommt ja bekanntlich nicht von ungefähr, und stellte zusätzlich das Tremolo vom VoxAmp auf halb elf. Ein wenig Auflockerung würde dem Signal sicher gut tun. Sowohl der Gitarrist als auch der Co-Produzent wollten sich meiner Begeisterung nicht so recht anschließen – immerhin sah es zum einen im Studio aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen und zum anderen würden die beiden Amps deutlich übersprechen, wir würden also nicht zwei „saubere“ Gitarrensignale erhalten. Aber die Idee ging auf. In der Mischung pegelte ich einen schönen Mix von beiden Amps, komprimierte jeden Amp angemessen und positionierte diese anschließend wie bei der Aufnahme im Stereofeld (Fender Pan +25, Vox Pan -25). Danach schickte ich beide Amps auf einen gemeinsamen Bus, komprimierte das Signal dort zusätzlich noch einmal weit genug, um das Tremolo und das Amprauschen mehr zu betonen und positionierte anschließend diese Subgruppe in der Mischung. Ein Traum. Die hier gebastelte Konstellation werden wir wohl in Zukunft auch live wählen.

Eine exotische/schwierige Aufnahme-/Produktions-Situation in deiner Laufbahn und deine Lösung dafür?

Für mich ist es immer wieder schwierig die Instrumentierung oder die entsprechenden Patterns nicht zu aufwendig und groß sondern straight und simpel zu gestalten. Wenn mir das passiert, hilft meist nur eines: ein komplett neues Projekt anlegen und alles, was nicht 100%ig gut ist, wegschmeißen: Aufnahmen, Mischung – einfach alles. Dann sitzt man wieder vor einem jungfräulichen Song und kann sich nochmals frische Ideen überlegen, bzw. zu dem ursprünglichen Song zurückfinden. Und das hilft!

Was ist dein „Lieblings-Mikrofon“ und warum?

Das Neumann SM 69

Mein Lieblingsmikrofon ist definitiv das Neumann SM69 (heutiges Neumann USM 69 i) – ein vintage Stereomikrofon, gebraucht leider erst ab rund 2.500,00 EUR zu haben, meiner Meinung nach aber jeden Cent wert! Das Mikrofon ist, nicht wie die typischen TV-Stereomikrofone, ein Großmembranmikrofon – u.a. darum wird es zu einem echten Allrounder. Egal ob als Overhead für die Drums, als erste Wahl für einen Flügel, als druckvolles Mikrofon vor einem Amp, als Hauptmikrofon für Streicher oder Bläser oder sogar als Gesangsmikrofon (auch in Stereo) – das Neumann SM69 hat für mich den Besten und charakterstärksten Klang, den ich je von einem Mikrofon gehört habe. Wie oft habe ich schon versucht ein Stereobild wie beim menschlichen Gehör zu erzeugen – leider ohne 100%igen Erfolg. Mit diesem Mikrofon höre ich mit meinen Ohren einfach vor, wo das Instrument am Besten klingt und stelle das Neumann SM69 genau da hin – reiße die Vorverstärker schön weit auf und kann mir ab diesem Zeitpunkt sicher sein: das Instrument wird in der späteren Mischung einfach so klingen, wie es klingen soll! Und das mit einem Druck der Freude macht. Ein echter Hammer!

Womit beginnt Produzieren und/oder Recording für Dich professionell zu werden?

Eine Produktion oder eine Mischung wird für mich schon relativ früh professionell, nämlich ab dem Zeitpunkt wenn eine eigene (Charakter-) Linie erkennbar wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Aufnahme tierisch rauscht oder zu leise ist – das sind Probleme, die sich durch andere Technik oder einen routinierten Recording-Engineer leicht beheben lassen. Der Produzent oder der Mischer jedoch nicht. Nicht umsonst reisen Bands weltweit zu bestimmten Produzenten, Tonstudios oder lassen bestimmte Toningenieure einfliegen – sie wollen deren Charakter oder deren speziellen Sound auf ihrer Platte hören.

Ein Recording- / Produktions-Tipp für alle angehenden Tontechniker/Produzenten…

Fragt befreundete Bands oder Musiker, ob Sie mit Euch zusammen aufnehmen und produzieren wollen – so habt Ihr die Chance verschiedene Räume und Mikrofone (kennen) zu „lernen“ und damit routiniert zu arbeiten. Denn Übung macht den Meister!

Die Equipment-Fee gibt Dir 3 Wünsche frei – Welche Geräte wählst Du?

Kurz und knapp? Ein ADT-Audio ToolMod-Pult, für die Leadvocals einen TubeTech EQ1A und, um das Paket abzurunden, einen Vertigo VSC-2 Summenkompressor für das Ende dieser wundervollen Phantasie-Kette.

Wem & bei welcher Platte hättest Du gern einmal beim Produzieren über die Schulter geschaut?

Aktuell bei der Soloplatte von Dennis Lisk „Suchen & Finden“. Für mich ist die Scheibe nahezu perfekt in der Produktion und der Mischung! Wer deutsche Musik macht, MUSS sich diese Platte anhören.

Deine 5 “All-Time-Favorite“ Lieblingsplatten/Aufnahmen/CDs?

Coldplay Album: Rush Of Blood To The Head
Söhne Mannheims Album: NOIZ
Peter Fox Album: Stadtaffe
Foo Fighters Album: Echoes, Silence, Patience & Grace
Incubus Album: Make Yourself

Zur Person


Der 28 Jahre alte Toningenieur und Musikproduzent Sebastian Böhnisch lebt seit 2005 in Berlin. Hier arbeitet er als Toningenieur und Musikproduzent im Team des Berliner Comedian Kurt Krömer. Die ersten Gehversuche Sebastians gestalteten sich dagegen folgendermaßen: “Die erste kleine Recordingsession war in meinem Zimmer mit meinem besten Freund Gerd. Er spielte Gitarre und sang, während ich das Mikrofon so zu halten versuchte, dass die Stimme einen Tick lauter war als die Gitarre. Und danach wurde noch eine zweite und manchmal gar eine dritte Stimme eingesungen und mit schön viel Hall vermischt :o)”. Derzeit arbeitet Sebastian zudem mit der Band / dem Projekt BALBOA in dem zusammen mit einem Freund betriebenen Studio und Produzententeam sector3music – Für Balboa bestehen auch schon 12 Songs in Ihrer Ganzheit, wobei aktuell noch die verwendeten Samples durch echte Instrumente ersetzt werden. Zuletzt verantwortete Sebastian als Produzent die EP von den FrayedFroods: „So und nicht anders!“ und als nächste Platte folgt die Live-Audio CD von Kurt Krömer: „KRÖM DE LA KRÖM“.

Places von Sebastian im Web:

Produzenten-Webseite
Sebastian auf myspace

Sebastian auf Xing
Myspace-Seite des aktuellem Band-Projekts Balboa

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